Archiv · Fahrer
Johannes Pundt fuhr Hochrad, gewann 1889 Berlin–Hamburg mit zweieinhalb Stunden Vorsprung und brachte 1893 die Distanzradfahrt Wien–Berlin auf den Weg. Danach verkaufte er Räder — und erfand dabei das Sponsoring mit.
Johannes Pundt, geboren am 07.07.1864 in Neuhaus (heute zu Angermünde), gestorben im Dezember 1943 in Berlin. Mitglied des Berliner BBC Germania. Er gehörte zur ersten Generation deutscher Radrennfahrer, der Generation, die noch auf dem Hochrad anfing und auf dem Niederrad weitermachte.
Was gesichert ist
- Auf der ersten deutschen Rekordliste von 1885 stand er über 1.000, 4.000 und 5.000 Meter jeweils an erster Stelle — vor dänischen Fahrern, die ihre Rekorde in Mexiko aufgestellt haben wollten. (Gronen/Lemke, Geschichte des Fahrrads und des Radsports, Eupen 1978, S. 77)
- 1885 und 1886 wurde er erster Deutscher Meister der Flieger — offiziell Wettfahrt um die Meisterschaft des DRB im Schnellfahren auf dem Zweirad.
- 1889 gewann er auf dem Hochrad das von T. H. S. Walker veranstaltete Rennen Berlin–Hamburg trotz eines Defekts mit zweieinhalb Stunden Vorsprung.
- 1891 belegte er bei der ersten Distanzfahrt Leipzig–Berlin–Leipzig den dritten Platz. (Sport-Album der Radwelt; cycling4fans.de)
- 1892 begleitete er den Distanzritt Berlin–Wien / Wien–Berlin als Radfahrer und regte eine entsprechende Veranstaltung für Radfahrer an — die im Jahr darauf als Distanzradfahrt Wien–Berlin durchgeführt wurde. (cycling4fans.de)
- 1895 gewann er den Großen Preis von Berlin; mehrfach gewann er den „Kaiserpreis“ über zehn Kilometer, damals einer der wichtigsten Preise im deutschen Radsport.
- 1887 verpflichtete er sich als Einjährig-Freiwilliger beim 2. Garderegiment in Berlin.
Der Mann, der Wien–Berlin anregte
Die wichtigste Zeile seiner Biografie ist die unspektakulärste. 1892 ritten Offiziere den Distanzritt zwischen Berlin und Wien — ein militärisches Prüfungsunternehmen, das in ganz Mitteleuropa Aufsehen erregte und bei dem zahlreiche Pferde zugrunde gingen. Pundt fuhr als Radfahrer mit und zog den Schluss, den auch andere zogen, aber er handelte: Er regte dieselbe Strecke für Radfahrer an.
Ein Jahr später fuhren 110 Radfahrer von Wien nach Berlin, und der mitteleuropäische Fernradsport hatte sein Gründungsereignis. Dass die größte Distanzfahrt des deutschsprachigen Raums als Antwort auf eine Kavallerieübung entstand, ist keine Anekdote, sondern ihre Herkunftsgeschichte: Das Rad trat an, um zu zeigen, dass es aushält, was das Pferd aushält — und mehr.
Vom Fahrer zum Verkäufer
Die Brennabor-Werke in Brandenburg an der Havel wurden auf Pundt aufmerksam, stellten ihn an und machten ihn schließlich zum kaufmännischen Direktor ihrer Berliner Filiale. Ab 1904 fuhr er für das Unternehmen Motorradrennen. 1905 nahm er so an Rund um Berlin teil und wurde nach einem Unfall im Beiwagen ins Ziel gebracht.
Bekannt war er für Marketing-Ideen, die damals ungewöhnlich waren: Jeder zehntausendste Käufer eines Rennprogramms der Radrennbahn Friedenau bekam ein vergoldetes Brennabor-Rad. In seinem Verein wurde er Ehrenmitglied; 1938 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des „Deutschen Radrennclubs“ für ehemalige und aktive Rennfahrer.
Im Dezember 1943 starb Pundt mit 79 Jahren in Berlin, als er nach einem Bombenangriff versuchte, seine Ehrenpreise aus dem brennenden Haus zu retten.
Einordnung
Pundt ist die deutsche Entsprechung zu einer Figur, die dieses Archiv mehrfach führt: der Fahrer, der zum Veranstalter oder Verkäufer wird. Giffard kam vom Journalismus, Desgrange vom Rennrad in die Redaktion, die Opels vom Rennstall in die Fabrik. Pundt ging vom Sattel in den Vertrieb — und nahm das Publikum mit, das er als Fahrer gewonnen hatte.
Die Radrennbahn Friedenau, auf deren Programme Pundt seine vergoldeten Räder aussetzte, eröffnete erst 1897 – sie kann also nicht erklären, warum schon 1895 ein Fernfahrer aus diesem Vorort kam. Das tut der Friedenauer Radfahrer-Verein von 1891, der die Bahn später betrieb und sehr wahrscheinlich derselbe ist, als dessen Mitglied der Friedenauer Lokal-Anzeiger Alfred Köcher führt. Pundts Programmheft-Aktion fällt in seine Brennabor-Jahre, also eher 1900 bis 1904.
Was offen bleibt
- Berlin–Hamburg 1889. Die Zeit von rund 22:53 und der Vorsprung von zweieinhalb Stunden stehen in der Sekundärliteratur; die Ergebnisliste ist nicht gegengeprüft.
- Das Komitee von 1892/93. Wer außer Pundt dazugehörte und wie aus der Anregung eine Veranstaltung wurde, ist der eigentlich interessante Vorgang — und bisher nicht dokumentiert.
- Die dänischen Rekorde aus Mexiko. Gronen/Lemke erwähnen sie als Kuriosität der ersten Rekordliste. Was dahintersteckt, wäre eine eigene Recherche zur Frage, wie Rekorde damals anerkannt wurden.
- Pundt bei Brennabor. Jahr des Eintritts, Umfang der Filiale, Dauer der Tätigkeit — offen. Brennabor-Unterlagen liegen in Brandenburg an der Havel.
- Der „Große Preis von Berlin“ 1895. Die Friedenauer Bahn wurde 1897 mit diesem Rennen eröffnet. Pundts Sieg von 1895 muss also anderswo stattgefunden haben – oder die Jahresangabe ist falsch.
Quellen
Wolfgang Gronen / Walter Lemke, Geschichte des Fahrrads und des Radsports, Eupen 1978, S. 77 · 125 Jahre Radsport Charlottenburg, hrsg. v. RC Charlottenburg, Berlin 2008, S. 39 · cycling4fans.de, Johannes Pundt · Lars Amenda, Die Fernfahrt Berlin–Hamburg 1889 (Altonaer Bicycle-Club) · fritzbaars.de, Radsport in Brandenburg/Havel. Noch nicht ausgewertet, aber einschlägig: Rüdiger Rabenstein, „T. H. S. Walker – English cycling pioneer in Germany“ (1995), zum Veranstalter von Berlin–Hamburg 1889, sowie sein „Radsport und Gesellschaft“ (Hildesheim 1991). Die Zusammenstellung folgt der referierten Literatur; eine Gegenprüfung an der zeitgenössischen Presse steht aus.
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