Archiv · Thema
Ein Berliner Vorort mit 20.000 Tribünenplätzen, zwei Bahn-Weltmeisterschaften und sieben Betriebsjahren. Friedenau erklärt, warum in diesem Archiv dreimal derselbe Ortsname auftaucht.
Das Archiv führt einen Fernfahrer aus Friedenau (Alfred Köcher), eine Zeitungsquelle aus Friedenau (den Friedenauer Lokal-Anzeiger, aus dem die Belege zu Warschau–Kalisch–Warschau und zur Ausgabe 1895 von Wien–Triest stammen) und eine Marketing-Idee von Johannes Pundt, die an den Programmheften der Friedenauer Bahn hängt. Das ist kein Zufall, aber es ist auch nicht die Bahn, die den Ort groß machte.
Was gesichert ist
- Der Friedenauer Radfahrer-Verein wurde 1891 gegründet — sechs Jahre vor der Bahn. Er war später deren Betreiber.
- Die Radrennbahn Friedenau eröffnete 1897 mit dem Rennen „Großer Preis von Berlin“, im Sportpark Friedenau zwischen Kaiserallee (heute Bundesallee), Handjery-, Varziner- und Carlsruher Straße.
- 500 Meter Zementbahn, offen gebaut, besonders für Steherrennen geeignet; 20.000 Tribünenplätze.
- Später übernahm die Berliner Sportpalast GmbH unter Ferdinand Knorr den Betrieb.
- Hier fanden die Bahn-Weltmeisterschaften 1901 und 1902 statt, dazu jährlich das „Goldene Rad von Friedenau“ und das 100-Kilometer-Steherrennen „Großer Preis von Europa“.
- Es fuhren Willy Arend, Thaddäus Robl, Robert Walthour, Piet Dickentman, Tommy Hall und Jimmy Michael.
- 1904 wurde die Bahn abgerissen; auf dem Gelände entstand das Wagnerviertel des Bauunternehmers Georg Haberland.
Der Verein, nicht die Bahn
Diese Seite korrigiert eine naheliegende, aber falsche Verbindung. Köcher fuhr 1895 und 1896; die Bahn öffnete 1897. Nicht die Bahn hat ihn hervorgebracht, sondern der Verein von 1891 — und sehr wahrscheinlich ist dieser Verein der „Radfahrerverein Friedenau“, als dessen Mitglied ihn der Friedenauer Lokal-Anzeiger 1895 führt. Bewiesen ist die Gleichsetzung nicht, aber es gab in einem Vorort dieser Größe kaum zwei Radfahrervereine.
Damit ergibt sich eine Reihenfolge, die für die ganze Gattung typisch ist: zuerst der Verein, dann die Fernfahrer, dann die Bahn, dann das Geld — und nach sieben Jahren die Wohnungen. Der Berliner Radsport der 1890er war ein Vereinswesen, das sich eine Industrie anschaffte und von ihr überholt wurde. Die Bahn, auf der 1901 und 1902 Weltmeisterschaften stattfanden, existierte kürzer als die Laufbahn eines einzigen Fahrers.
Bahn gegen Straße
Friedenau zeigt auch, wohin das Publikum ging. Eine 500-Meter-Zementbahn mit 20.000 Plätzen verkauft Eintrittskarten; eine Fernfahrt über 460 Kilometer nach Kalisch verkauft keine. Dass der deutsche Radsport um 1900 auf der Bahn stark und auf der Straße schwach war, hängt daran: Das Steherrennen war ein Geschäft, die Distanzfahrt eine Überzeugungstat. Die gleiche Verschiebung beschreibt Richard Huschke für die 1920er Jahre — nur dass die Halle dann Kaiserdamm-Velodrom hieß.
Was offen bleibt
- Der genaue Vereinsname. „Friedenauer Radfahrer-Verein“ gegen „Radfahrerverein Friedenau“ der Zeitungsquelle: dieselbe Organisation? Die Vereinsgeschichte von 1891 bis 1897 würde es klären — und Köchers Mitgliedschaft belegen.
- Der „Große Preis von Berlin“. Pundt gewann ihn nach der Überlieferung 1895, die Bahn eröffnete damit aber erst 1897. Also entweder ein anderer Austragungsort 1895 oder ein Fehler in der Jahresangabe. Zu prüfen.
- Pundts Programmheft-Aktion. In welchen Jahren? Sie fällt in seine Brennabor-Zeit, also eher 1900 bis 1904.
- Der Friedenauer Lokal-Anzeiger als Quelle: Erscheinungszeitraum, Redaktion, und wie ausführlich er den Radsport begleitete. Digitalisate liegen im Archiv Grevet.
- Weitere Friedenauer Fernfahrer. Wenn der Verein 1891 gegründet wurde und 1895 einen Sieger in Russisch-Polen stellte, gab es dort mehr als einen.
Quellen
Zur Bahn: Artikel der deutschen Wikipedia mit seinen Nachweisen, darunter Arno Arndt, Hinter den Motoren, 1905 · Christian Wolter, Rasen der Leidenschaft, 2011 · H. Ebling, Friedenau — Aus dem Leben einer Landgemeinde · Andrew M. Homan, Life in the Slipstream, 2011 · Rad-Welt. — Zu Köcher und zum Verein: Friedenauer Lokal-Anzeiger, Nr. 51, 26.06.1895, S. 1, und Brandenburger Anzeiger, Nr. 122, 27.05.1896. Die Vereinsakten sind nicht eingesehen.
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