Archiv · Fahrer

Ein Fernfahrer aus einem Berliner Vorort, der 1895 bei Warschau gewann und bei Wien–Triest startete: Alfred Köcher ist der Beleg dafür, dass das Feld der Distanzfahrten international war, lange vor den Nationalmannschaften.

Zu Köcher gibt es bisher drei Fundstellen aus drei Ländern und kein Lebensbild. Diese Seite hält fest, was davon trägt — und was nur wahrscheinlich ist.

Was gesichert ist

  • Ein Fahrer namens Köcher vom Radfahrerverein Friedenau gewann vor Juni 1895 die Fernfahrt Warschau–Kalisch–Warschau in Russisch-Polen und startete 1895 bei der Fahrt Wien–Triest. (Friedenauer Lokal-Anzeiger, 1895)
  • Am 27.05.1896 berichtet der Brandenburger Anzeiger von Alfred Köcher aus Friedenau, der „bekannt ist von der Fernfahrt Madrid-Paris-Berlin“. Er war mit dem Feld der Distanzfahrt Berlin–Hannover bis Brandenburg unterwegs und schloss sich dort einer Clubfahrt des Radfahrer-Vereins „All Heil“ zum Neuen Kruge an. Ob er gemeldeter Konkurrent war oder nur mitfuhr, lässt die Wiedergabe offen. (Brandenburger Anzeiger Nr. 122, 27.05.1896, zitiert bei fritzbaars.de)
  • Bei dieser Fahrt traf in Brandenburg Lange aus Magdeburg als Erster ein, vor Reckzeh (München) und Blankenburg (Berlin); Sieger wurde Lange. Köcher wird in keiner dieser Reihen genannt. (fritzbaars.de, Radsport in Brandenburg 1882–1899)
  • Die Radsportdatenbanken führen einen deutschen Fahrer Alfred Köcher, * 05.01.1874, † 14.09.1940, mit einem Ergebnis bei einer deutschen Straßenmeisterschaft (ohne Jahresangabe). (procyclingstats.com; radsportseiten.net)

Was daraus folgt — und was nicht

Interpretation. Dass der „Köcher vom Radfahrerverein Friedenau“ von 1895 und der „Alfred Köcher aus Friedenau“ von 1896 dieselbe Person sind, ist sehr wahrscheinlich: derselbe seltene Name, derselbe kleine Berliner Vorort, dieselben zwei Jahre, in beiden Fällen ein Fernfahrer. Bewiesen ist es nicht. Der Vorname steht nur in der Brandenburger Notiz, der Verein nur in der Friedenauer.

Nimmt man die Identität an, ergibt sich ein Fahrer, der 1874 geboren wäre und 1895 mit einundzwanzig Jahren von Berlin nach Warschau und nach Wien fuhr, um dort zu starten. Das ist der eigentliche Befund dieser Seite: kein Werksfahrer und kein Star, sondern ein Vereinsfahrer aus einem Vorort, dessen Saison sich über das halbe Europa der Eisenbahn erstreckte.

Hypothese. Die „Fernfahrt Madrid-Paris-Berlin“ ist in dieser Form bisher in keiner anderen Quelle nachweisbar. Entweder verbirgt sich dahinter eine Einzelfahrt — im Sinne der damals üblichen bezahlten Streckenfahrten —, oder der Brandenburger Lokalreporter hat zwei Unternehmungen zusammengezogen. Beides wäre aufschlussreich, das Erste mehr.

Was offen bleibt

  • Der Vorname in der Friedenauer Quelle. Die Folgeausgaben des Friedenauer Lokal-Anzeigers 1895/96 sollten ihn nennen — und damit die Identität entscheiden.
  • Der genaue Vereinsname. In Friedenau wurde 1891 ein Friedenauer Radfahrer-Verein gegründet, der 1897 die Radrennbahn Friedenau betrieb. Dass der „Radfahrerverein Friedenau“ der Quelle dieser Verein ist, ist sehr wahrscheinlich – zwei Radfahrervereine in einem Vorort dieser Größe sind unwahrscheinlich –, aber nicht belegt. Die Vereinsgeschichte 1891–1897 wäre der Nachweis.
  • Die Platzierung bei Wien–Triest 1895. Bisher ist nur sein Start belegt. Die Wiener Presse (ANNO) sollte die Ergebnisliste haben.
  • Madrid–Paris–Berlin. Datum, Veranstalter, Distanz — alles offen, die Existenz des Unternehmens eingeschlossen.
  • Die Datenbankdaten. Geburts- und Sterbedatum stammen aus Ergebnisdatenbanken ohne Quellenangabe und sind nicht mit den Zeitungsnotizen verknüpft.
  • Warschau. Die Warschauer Sportpresse („Cyklista“, ab 1895) müsste Datum und Ergebnis der Fahrt nach Kalisch führen — und den Namen des deutschen Siegers in polnischer Schreibung.

Quellen

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 1895 (Digitalisat im Archiv Grevet) · Brandenburger Anzeiger, Nr. 122, 27.05.1896, zitiert nach fritzbaars.de, Radsport in Brandenburg/Havel 1882–1899 · procyclingstats.com und radsportseiten.net, Einträge „Alfred Köcher“. Nicht zu verwechseln mit dem Historiker Alfred Köcher (1860–1922).