Über Wien–Berlin 1893 wird viel erzählt. Manches ist belegt, manches ist beim Weitererzählen gewachsen. Hier die Geschichten, die an dieser Linie hängen – und was die zeitgenössischen Berichte dazu sagen.

Pferd gegen Rad

Im Oktober 1892 ritten Offiziere aus Österreich-Ungarn und Deutschland zwischen Wien und Berlin um die Wette, rund 580 Kilometer. Der Sieger, Graf Wilhelm Starhemberg, brauchte 71 Stunden und 35 Minuten. Ein Jahr später fuhren die Radfahrer dieselbe Verbindung – und der Schnellste war nach gut 31 Stunden in Berlin, in weniger als der Hälfte der Zeit.

Die Distanzfahrt war deshalb von Anfang an mehr als ein Rennen: Der Radsport wollte zeigen, dass das Fahrrad dem Pferd überlegen ist, und damit auch beim Militär Anerkennung finden. Die Historikerin Anne-Katrin Ebert nennt die Fahrt eine „ebenso aufwändige und pompöse wie letztlich hilflose Inszenierung von Modernität“. Das Fahrrad war schneller – die erhoffte Anerkennung blieb trotzdem aus.

31 Stunden und 22 Minuten?

Fischers Zeit wird oft mit 31 Stunden und 22 Minuten angegeben. Die offizielle Ergebnisliste des Berliner Comités verzeichnet etwas anderes: 31:00:22⅖ – 31 Stunden, null Minuten und gut 22 Sekunden. Beide Angaben gab es schon 1893: Die Berliner Zeitschrift Der Bär meldete „31 Stunden 22 Minuten“. Maßgeblich ist die amtliche Ergebnisliste – aus den 22 Sekunden sind beim Weitererzählen 22 Minuten geworden. Zweiter wurde Georg Sorge aus Köln in 31:54, Dritter Franz Gerger aus Graz in 34:22.

Der Maschinenwechsel

Josef Fischer aus München startete auf einer englischen Swift-Rennmaschine. Nach rund 460 Kilometern, in der Lausitz, war sie nicht mehr fahrbar: Nach einem Bericht war der Rahmen am Tretlager gebrochen, nach anderen Quellen die Kette gerissen. Fischer fuhr auf einem Opel „Victoria Blitz“ weiter, einem 15 Kilo schweren Halbrenner.

Die schweren Gewitter in Nordböhmen trafen vor allem die Fahrer hinter ihm. Fischer und Sorge, so der zeitgenössische Bericht, kamen „mit einem blauen Auge davon“. Bei einem Supergrevet heute wäre ein Radwechsel mit fremder Hilfe nicht vorgesehen: Wer startet, fährt selbstversorgt und ohne Begleitung.

Wie viele waren es wirklich?

Gemeldet waren 150 Fahrer. Am Morgen des 29. Juni 1893 fehlten nach dem Bericht des Comités 32 von ihnen; andere Quellen nennen 35. Am Start in Floridsdorf standen also 115 bis 118 Fahrer, ab 6 Uhr in Gruppen zu zehn im Abstand von fünf Minuten. Zugelassen waren nur Amateure, sogenannte „Herrenfahrer“. Die Zuschauer waren laut Bericht „nach Tausenden zu zählen“ – genauere Zahlen, wie sie heute kursieren, lassen sich nicht belegen.

Ankunft am Steuerhaus Tempelhof

Josef Fischer 1893 im Ziel am Steuerhaus am Tempelhofer Feld
Josef Fischer 1893 im Ziel am Steuerhaus am Tempelhofer Feld

Das Ziel lag nach 582,5 Kilometern am Steuerhaus am Tempelhofer Feld, oft auch Zollhaus genannt. Fischer erreichte es am 30. Juni 1893. Weil Amateure kein Geld annehmen durften, wählte das Comité Sachpreise: Fischer bekam einen Thalerhumpen im Wert von 800 Mark, eine goldene Medaille und eine Kiste Rheinwein.

Was aus Josef Fischer wurde

Fischer, 1865 in Cham geboren, blieb der Langstrecke treu. 1896 gewann er die erste Austragung von Paris–Roubaix, 1903 fuhr er die erste Tour de France mit.

Und heute

Seit 2022 wird die Linie wieder gefahren – auf Gravel, rund 800 Kilometer und 7.000 Höhenmeter von Wien nach Berlin, selbstversorgt, mit gemeinsamem Start und ohne Wertung. Die nächste Austragung startet am 28. August 2027. Mehr zur Herkunft der Fahrt steht in der Geschichte von Wien–Berlin.

Quellen

Comité Berlin: Rückblick auf die Distanz-Radfahrt Wien–Berlin (1893), mit offizieller Ergebnisliste · Der Radfahrer, Bericht zur Distanz-Radfahrt Wien–Berlin (1893) · Walter Ulreich: Die Distanz-Radfahrt Wien–Berlin 1893 · Rüdiger Rabenstein: Radsport und Gesellschaft (1991) · Anne-Katrin Ebert: Radelnde Nationen (2010).

Seiten aus dem zeitgenössischen Bericht über die Distanzfahrt Wien–Berlin 1893
Seiten aus dem zeitgenössischen Bericht von 1893

Start 28. August 2027, 10 Uhr, Wien · rund 800 km und 7.000 hm · Solo ab 250 €, Duo und Quartett ab 230 € pro Person

Zur Anmeldung · Wien–Berlin