Archiv · Fahrer

Richard Huschke fuhr die Langstrecke, als sie schon ins Stadion gezogen war: 600 Kilometer Wien–Berlin auf der Straße, 4.544 Kilometer in sechs Tagen auf der Bahn — und 1979 erzählte er, was das kostete.

Richard Huschke, geboren am 06.08.1893 in Berlin, gestorben am 11.01.1980. Wie sein Bruder Adolf fuhr er für den Berliner BBC Germania. 1911 wurde er Berufsfahrer, gewann nach eigener Zählung mehr als 100 Rennen und zwei deutsche Meistertitel der Straßenprofis. Seine letzten Jahre verbrachte er als Rentner in Calw.

Was gesichert ist

  • Beim Berliner Sechstagerennen 1924 fuhr er mit Franz Krupkat einen Distanzrekord von 4.544,2 Kilometern in sechs Tagen und sechs Nächten — gefahren im Kaiserdamm-Velodrom an der Avus. (DER SPIEGEL 41/1979, 07.10.1979)
  • Er gewann Wien–Berlin als Profirennen: nach seiner Schilderung 600 Kilometer in einem Stück, 22 Stunden durch Tag und Nacht. Die Straßenrennen seiner Zeit gingen regelmäßig über 300 bis 400 Kilometer.
  • Gemeinsam mit seinem Bruder Adolf fuhr er 25-Stunden-Rennen über 1.000 Kilometer und mehr ohne Pause.
  • Er wurde 1922 und 1925 Deutscher Straßenmeister der Berufsfahrer. (rad-net.de; Munzinger-Archiv)
„Kopp mang die Beene und bumm war ich weg!“

Richard Huschke über seinen Fahrstil, DER SPIEGEL 41/1979.

Das Interview von 1979

Huschke war 86, als DER SPIEGEL ihn zum Berliner Sechstagerennen befragte. Das Gespräch ist eine der seltenen Quellen, in denen ein Fahrer der Vorkriegsgeneration selbst beschreibt, wie Dauerleistung damals organisiert war: pro Tag durfte jeder Fahrer nur drei Stunden von der Bahn — gebadet, massiert, gegessen, vielleicht zwei Stunden geschlafen. In sechs Tagen kam er auf höchstens zwölf Stunden Schlaf insgesamt. Am unteren Bahnrand lagen Latten; wer unter 24 km/h fiel, rutschte ab. Wer einschlief, lag auf der Erde.

Zwei Dinge daran gehören in dieses Archiv. Erstens die Prämienwirtschaft: Das Publikum setzte Säcke Mehl, Kisten Sekt, ein lebendes Schwein, ein Boot und ein Motorrad aus; nach dem Rekord von 1924 fuhren die Sieger die Prämien mit drei Lastwagen nach Hause. Die Langstrecke war ein Markt, auf dem Ermüdung in Sachwerte umgerechnet wurde.

Zweitens das Doping. Huschke sagt ohne Umschweife, dass es in seiner Zeit erlaubt war, und dass er Fahrer daran sterben sah; er selbst habe sich mit Hechtsuppe wachgehalten, drei Thermosflaschen passiertes Hechtfleisch, dessen Phosphor das Gehirn hellwach mache. Beides ist bemerkenswert: die Nüchternheit, mit der die Todesfälle erinnert werden, und die Ernsthaftigkeit, mit der eine Hausmittel-Theorie an die Stelle der Pharmazie tritt. Die Grenze, die ein Fahrer verschob, war nie nur die eigene.

Einordnung

Die Brüder Huschke stehen für die Phase, in der die Distanzfahrt des 19. Jahrhunderts in den Berufssport des 20. übergeht. Die Strecken bleiben lang, aber sie werden eingehegt: die Straßenfahrt wird zum Rennkalender, die Nachtfahrt zum Sechstagerennen in einer Halle mit Eintrittskarten. Was bei Terront 1891 noch eine einmalige Fahrt über Land war, ist 1924 ein Produkt mit Spielplan.

Adolf Huschkes Tod 1923 nach einem Gabelbruch bei Rund um Berlin und der Tod seines Partners Krupkat ein Jahr nach dem Rekord gehören zur gleichen Rechnung. Richard Huschke, der beide überlebte und 86 Jahre alt wurde, war 1979 der letzte Zeuge dieser Rechnung.

Was offen bleibt

  • Wien–Berlin als Profirennen. Jahr, Distanz und Zeit seines Sieges nennt er selbst nur ungefähr (600 km, 22 Stunden). Zu prüfen an der Berliner Sportpresse der 1910er und 1920er Jahre.
  • Die Meistertitel. 1922 und 1925 gegen das Interview („zwei Titel“) geprüft, aber nicht an einer offiziellen Siegerliste des BDR.
  • Die 25-Stunden-Rennen mit Adolf. Ort, Jahr und Veranstalter fehlen.
  • Der Rekord von 1924. Die 4.544,2 km sind als Zahl gut überliefert; eine zeitgenössische Ergebnisliste des Rennens fehlt im Archiv.

Quellen

„Kopp mang die Beene und bumm weg“, Interview mit Richard Huschke, DER SPIEGEL 41/1979, 07.10.1979 · rad-net.de zum Gedenken an Adolf Huschke · Munzinger-Archiv, Biografie Richard Huschke. Die Angaben aus dem Interview sind Erinnerungen eines 86-Jährigen und als solche gekennzeichnet; eine Gegenprüfung an zeitgenössischen Ergebnislisten steht aus. Zur Einordnung des Dopings in dieser Epoche: Rüdiger Rabenstein, „Some Facts About the History of Doping in Cycling Competition“ (1998), und ders., „Radsport und Gesellschaft. Ihre sozialgeschichtlichen Zusammenhänge in der Zeit von 1867 bis 1914“, Weidmann, Hildesheim u. a. 1991 – beide hier noch nicht ausgewertet.

Verwandte Personen: Adolf Huschke · Charles Terront · Verwandte Fahrten: Rund um Berlin · Wien–Berlin 1893
Zurück zum Distanzfahrten-Archiv.