Archiv · Fahrt
Deutschlands ältestes Straßenrennen begann als Distanzfahrt: am 6. September 1896 hatten 48 Fahrer 320 Kilometer zurückzulegen, „unter den denkbar schwierigsten Witterungs- und Wegeverhältnissen“.
Rund um Berlin ist die einzige Fahrt dieses Archivs, die von 1896 bis 2008 durchgehalten hat. Ihre erste Austragung gehört noch ganz in die Welt der Distanzfahrten: Mit 320 Kilometern lag sie über der zeitgenössischen Schwelle von rund 300 Kilometern, ab der man überhaupt von einer Distanzfahrt sprach.
Kennzahlen: 06.09.1896 · 320 km · 48 Fahrer · Sieger Gustav Gräben (Brandenburg an der Havel)
Was gesichert ist
- Die erste Distanzfahrt „Rund um Berlin“ fand am 06.09.1896 statt; 48 Fahrer hatten 320 Kilometer zurückzulegen, nach dem zeitgenössischen Bericht „unter den denkbar schwierigsten Witterungs- und Wegeverhältnissen“. (Brandenburger Anzeiger, zitiert nach fritzbaars.de, Radsport in Brandenburg/Havel 1883–1945)
- Sieger wurde Gustav Gräben (1865–1944) aus Brandenburg an der Havel; 1897 gewann er erneut. (fritzbaars.de)
- Die 320 Kilometer lagen über der zeitgenössischen Schwelle: Als Distanzfahrt galt eine Strecke von rund 300 Kilometern an, als Obergrenze 500 bis 600. (Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, in: Allgemeine Sport-Zeitung, Teil 3, 02.02.1895, S. 110–111)
- 1905 nahm Johannes Pundt als Motorradfahrer für Brennabor teil und wurde nach einem Unfall im Beiwagen ins Ziel gebracht.
- Am 26.08.1923 stürzte Adolf Huschke hier nach einem Gabelbruch und starb zwei Tage später an einem schweren Schädelbruch. 1924 wurde an der Unfallstelle bei Sachsenhausen ein Gedenkstein errichtet. (rad-net.de)
- Die Fahrt wurde bis 2008 ausgetragen.
Warum sie überlebte
Rund um Berlin ist der deutsche Gegenfall zu Lüttich–Bastogne–Lüttich. Beide begannen in derselben Gattung, beide wurden jährlich wiederholt, beide überlebten die Distanzfahrten, aus denen sie hervorgingen. Der Grund ist derselbe: eine Rundstrecke mit Start und Ziel am selben Ort, nahe an einer großen Stadt, in einer Länge, die sich an einem Tag fahren lässt.
Die Fahrten, die verschwanden, hatten alle ein Ziel weit weg vom Start: Wien–Berlin, Basel–Cleve, Berlin–Hannover, Salamanca–Madrid. Eine Punkt-zu-Punkt-Fahrt ist ein Unternehmen: Sie braucht Fahrkarten für die Rückreise, Quartiere am Ziel, Veranstalter an zwei Orten. Eine Runde braucht einen Ort und einen Sonntag.
Dass sich 1896 ausgerechnet das Format durchsetzte, das keine Reise mehr ist, gehört zur Verlustgeschichte der Gattung: Geblieben ist der Wettkampf, gegangen ist die Strecke.
Was offen bleibt
- Veranstalter und Streckenführung 1896. Wer ausschrieb und wie die 320 Kilometer verliefen.
- Siegerzeit und Zahl der Ankommenden 1896. Bei „denkbar schwierigsten“ Verhältnissen dürfte die Ausfallquote hoch gewesen sein — belegt ist sie nicht.
- Gustav Gräben hat noch kein Fahrerblatt. Belegt sind: Siege 1896 und 1897 bei Rund um Berlin, Hamburg–Berlin 1897 im toten Rennen mit Paul Kotsch, 1898 Zweiter der Weltmeisterschaft in Wien über 100 km der Amateure.
- Wann fiel die Distanz unter 300 Kilometer? Das Archiv hat 1896, 1897, 1905 und 1923 — der Weg von der Distanzfahrt zum Eintagesklassiker ist damit nur punktuell belegt. Diese Zahl wäre der aussagekräftigste Einzelbefund.
- Das Ende 2008. Grund und letzte Austragung sind hier nicht dokumentiert.
Quellen
Brandenburger Anzeiger, zitiert nach fritzbaars.de, Radsport in Brandenburg/Havel von 1883 bis 1945, samt den Ergänzungsseiten zu 1882–1899 und zu Gustav Gräben · rad-net.de zum Gedenken an Adolf Huschke · Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, in: Allgemeine Sport-Zeitung, Teil 3, 02.02.1895, S. 110–111. Die Originalausgaben des Brandenburger Anzeigers sind nicht eingesehen.
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