Archiv · Fahrt
Hinter dieser Seite stecken zwei Veranstaltungen, die bisher zu einer verschmolzen waren: eine Distanzfahrt Leipzig–Berlin–Leipzig 1891 und ein 500-Kilometer-Rennen der Zeitschrift „Stahlrad“ auf der Chaussee nach Dresden 1892.
Die frühen deutschen Fernfahrten gingen von Leipzig aus, nicht von Berlin. Das hatte einen einfachen Grund: In Leipzig saßen die Sportblätter. Wer eine Fahrt ausschrieb, brauchte eine Redaktion, die sie ankündigte, bewertete und abrechnete — dieselbe Konstellation, die in Paris Paris–Brest–Paris hervorbrachte.
1891: Die erste Distanzfahrt Leipzig–Berlin–Leipzig
- Eine Fahrt dieses Namens fand 1891 statt und wird ausdrücklich als erste Austragung bezeichnet. Johannes Pundt belegte den dritten Platz. (Sport-Album der Radwelt; cycling4fans.de, zitiert nach fritzbaars.de)
- Die Strecke Leipzig–Berlin und zurück entspricht rund 380 bis 400 Kilometern (geografische Näherung).
Mehr ist bisher nicht belegt: kein Datum, kein Veranstalter, kein Sieger, keine Starterzahl. Dass die Fahrt als erste geführt wird, lässt auf weitere Austragungen schließen — belegt ist keine.
12. Oktober 1892: Das Stahlrad-Rennen nach Dresden
- Die Redaktion des Sportblattes „Stahlrad“ in Leipzig veranstaltete am 12.10.1892 ein 500-Kilometer-Rennen auf der Chaussee von Leipzig nach Dresden — gefahren als fünfmal 100 Kilometer. (Brandenburger Anzeiger, zitiert nach fritzbaars.de)
- Dreizehn Fahrer waren gemeldet. Sieger wurden von Göderik und Brinkmann in 28 Stunden. (ebenda)
- Fritz Lauenroth vom Radfahrer-Verein „Brennabor“ von 1891 kam auf 315 Kilometer in dreizehneinhalb Stunden und gab dann mit Wadenkrampf auf. (ebenda)
Was hier korrigiert wird
Diese Seite führte bisher eine Veranstaltung: eine Stahlrad-Dauerfahrt über rund 500 Kilometer auf der Doppelschleife Leipzig–Berlin–Leipzig–Dresden–Leipzig, mit Sieger A. Blank (Bingen) und einem ausdrücklichen Verbot von Luftreifen, im Archiv auf 1892 datiert. Diese Lesart hält der Prüfung nicht stand: Die Quellen trennen eine Fahrt Leipzig–Berlin–Leipzig (1891) von einem Stahlrad-Rennen Leipzig–Dresden (12.10.1892). Die Doppelschleife entstand offenbar dadurch, dass beide Strecken in einer Darstellung aneinandergehängt wurden.
Beibehalten, weil unabhängig überliefert: der Name „Stahlrad“ als Veranstalter, die Distanz von 500 Kilometern und das Jahr 1892 für das Dresdner Rennen. Nicht mehr behauptet: die Doppelschleife als eine Strecke. Offen: Sieger A. Blank (Bingen) und das Luftreifen-Verbot — beides stand in der bisherigen Fassung ohne Fundstelle und ließe sich keiner der beiden Fahrten zuordnen.
Der dritte Befund
Eine weitere Darstellung datiert eine Stahlrad-Dauerfahrt über 500 Kilometer auf 1891, mit 19 Startern und 600 Mark Preisgeld. (cycling4fans.de) Damit stehen drei Angaben nebeneinander: Leipzig–Berlin–Leipzig 1891, eine Stahlrad-Dauerfahrt 1891 und das Stahlrad-Rennen nach Dresden am 12.10.1892. Möglich ist, dass „Stahlrad“ die Fahrt zweimal ausschrieb — 1891 nach Berlin, 1892 nach Dresden — und dass die 1891er Fahrt beide Namen trägt. Belegt ist das nicht.
Einordnung
Beide Fahrten liegen vor Wien–Berlin 1893 und damit vor dem Ereignis, das in Deutschland als Beginn des Fernradsports gilt. Sie zeigen, dass die Gattung schon da war, als Wien–Berlin sie berühmt machte. Und sie zeigen das Format, das später verschwand: fünfmal hundert Kilometer auf einer Chaussee hin und zurück, eine Strecke also, die man nicht bereist, sondern abzählt. Die Fernfahrt als Streckenerfahrung — von einer Stadt zu einer anderen — setzte sich erst danach durch.
Dass Pundt 1891 Dritter wurde, ergänzt seine Biografie um das Jahr zwischen Berlin–Hamburg 1889 und seiner Anregung zu Wien–Berlin. Er war in dieser Zeit nicht nur Bahnfahrer, sondern selbst auf der Langstrecke unterwegs.
Was offen bleibt
- Die Zuordnung der drei Angaben. Eine, zwei oder drei Veranstaltungen? Das Leipziger Blatt „Stahlrad“ selbst wäre die Quelle; Jahrgänge 1891/92 sind zu suchen.
- Sieger und Zeit der Fahrt von 1891 sowie die Plätze eins und zwei vor Pundt.
- „von Göderik und Brinkmann“ — zwei Sieger in 28 Stunden deuten auf gemeinsame Ankunft. Namen, Vereine und Schreibweisen sind zu prüfen.
- A. Blank (Bingen) und das Luftreifen-Verbot — wo stammen sie her? Beide wären sachlich plausibel (1891/92 war der Luftreifen in Deutschland noch umstritten), sind aber bisher nicht nachgewiesen.
- Weitere Austragungen von Leipzig–Berlin–Leipzig nach 1891.
Quellen
Brandenburger Anzeiger (Originalbericht zum 12.10.1892) und Sport-Album der Radwelt, beide zitiert nach fritzbaars.de, Radsport in Brandenburg/Havel 1882–1899, Abschnitt Lauenroth/Gericke/Pundt · cycling4fans.de, Historisches: Anfänge des Radrennsports auf der Straße (dort 1891, 19 Starter, 600 Mark). Die Jahrgänge der Zeitschrift „Stahlrad“ sind nicht eingesehen.
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