Archiv · Thema

Ein Fahrer, der 1911 Profi wurde, sagte 1979, Doping sei damals erlaubt gewesen und er habe Fahrer daran sterben sehen. Das ist die beste Quelle, die dieses Archiv zum Thema hat — und fast die einzige.

Zu Reizmitteln in den Distanzfahrten des 19. Jahrhunderts gibt es hier wenige Belege und eine sehr gute Zeugenaussage. Diese Seite trennt beides, statt das eine mit dem anderen zu füllen.

Die Zeugenaussage

Richard Huschke, Jahrgang 1893, ab 1911 Berufsfahrer, sprach 1979 mit 86 Jahren über seine Zeit. Er sagt, Doping sei damals erlaubt gewesen und er habe Fahrer daran sterben sehen. Er selbst habe sich mit Hechtsuppe wachgehalten: von sechs bis acht Hechten die besten Stücke durchpassiert, drei Thermosflaschen davon, weil der Phosphor das Gehirn hellwach mache. Auf die Frage nach den anderen antwortet er, sie seien alle kaputt und längst tot. (DER SPIEGEL 41/1979, 07.10.1979)

Zwei Dinge daran sind bemerkenswert: die Nüchternheit, mit der die Todesfälle erinnert werden, und die Ernsthaftigkeit, mit der eine Hausmittel-Theorie an die Stelle der Pharmazie tritt. Huschke hielt sich nicht für einen, der auf Doping verzichtete. Er hielt sich für einen, der das bessere Mittel hatte.

Was der Bestand sonst hergibt

  • Gesundheit als Reglementgrund, 1894. Die zeitgenössische Definition der Distanzfahrt nennt nicht nur ein Minimum von rund 300 Kilometern, sondern auch ein Maximum von 500 bis 600 Kilometern — ausdrücklich, um die Gesundheitsrisiken zu begrenzen. Die Veranstalter dachten an Schäden, bevor irgendwer an Mittel dachte. (Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, in: Allgemeine Sport-Zeitung, Teil 3, 02.02.1895, S. 110–111)
  • Der medizinische Blick. Philippe Tissié veröffentlichte 1888 L’hygiène du vélocipédiste und begründete Bordeaux–Paris mit; Angelo Mosso vermass die Ermüdung im Labor. Siehe Die Vermessung der Ermüdung. Wer Ermüdung messen kann, kann auch nach Mitteln gegen sie suchen — beides gehört in dieselben Jahre.
  • Die Sechstagerennen als Ort des Verbrauchs: 21 Stunden täglich im Sattel, höchstens zwölf Stunden Schlaf in sechs Tagen, Latten am unteren Bahnrand für die, die einschlafen. Huschkes Beschreibung der Bedingungen erklärt die Nachfrage.

Was das für die Langstrecke bedeutet

Die Distanzfahrt des 19. Jahrhunderts prüfte, ob ein Mensch mit einer Maschine eine Strecke bewältigt. Sobald Mittel dazukommen, verschiebt sich die Frage: Geprüft wird dann, was ein Mensch plus Mittel kann — und damit verschwindet genau das, was die Fahrt aussagekräftig macht, die Zurechenbarkeit der Leistung zu dem, der sie erbringt.

Deshalb gehört das Thema in dieses Archiv und nicht nur in die Sportmedizin. Es ist dieselbe Frage wie bei Maschinenwechsel und fremde Hilfe und beim Luftreifen: Wo endet der Fahrer, und wo beginnt das, was ihn trägt? Beim Reifen lässt sich die Grenze ziehen. Beim Mittel, das im Körper wirkt, nicht.

Was offen bleibt

  • Rabenstein 1998. Rüdiger Rabenstein, „Some Facts About the History of Doping in Cycling Competition“ — die einschlägige Arbeit, hier noch nicht ausgewertet. Dazu sein „Radsport und Gesellschaft“ (Hildesheim 1991).
  • Belege für die 1890er. Das Archiv hat bisher keine zeitgenössische Quelle, die Mittel bei einer Distanzfahrt nennt. Die Fachpresse und die Berichte der Betreuer wären der Ort.
  • Huschkes Todesfälle. Wen er meinte, sagt er nicht. Namen und Jahre wären zu ermitteln — seine Angabe ist bisher eine Erinnerung, kein Nachweis.
  • Wann wurde es verboten? Huschke sagt „damals erlaubt“, also gab es einen Zeitpunkt. Die Reglements des BDR und der UCI wären zu prüfen.
  • Die Hechtsuppe. Verbreitete Praxis oder Huschkes Eigenheit? Phosphor als Mittel gegen Müdigkeit war eine zeitgenössische Vorstellung — ihre Herkunft wäre eine eigene Spur.

Quellen

„Kopp mang die Beene und bumm weg“, Interview mit Richard Huschke, DER SPIEGEL 41/1979, 07.10.1979 · Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, in: Allgemeine Sport-Zeitung, Teil 3, 02.02.1895, S. 110–111 · Philippe Tissié, L’hygiène du vélocipédiste, 1888. Noch nicht ausgewertet: Rüdiger Rabenstein, „Some Facts About the History of Doping in Cycling Competition“, 1998.