Archiv · Querschnittsthema · Körper und Versorgung

Dieses Thema fragt nach dem Stoff selbst: Was kam konkret in Flasche und Tasche? Die Funktion der Kontrollpunkte, die Doping-Frage und die Physiologie der Ermüdung haben eigene Themen — hier geht es um Lebensmittel und Getränke als Material.

Worum es geht

Eine Distanzfahrt über 300, 500 oder 600 Kilometer ist auch ein Stoffwechselproblem: Der Körper verbraucht über viele Stunden mehr Energie, als er aus eigenen Reserven decken kann. Was dagegen in den Magen ging, zerfällt in drei greifbare Stränge — Alkohol, feste Kost und haltbares Brot. Für jeden trennen wir, was dokumentiert ist, von dem, was späteres Erzählgut ist. Die weitergehenden Fragen — Alkohol als Reizmittel und Doping, der Kontrollpunkt als Verpflegung und Kontrolle, der Energieverbrauch in der Vermessung der Ermüdung — stehen in den verlinkten Themen. Wie real das Verpflegungsproblem ist, maß schon Leo Zuntz 1899: Der Radfahrer legt dieselbe Strecke mit etwa dem halben Kraftverbrauch zurück wie der Fußgänger — doch nach vier Stunden ununterbrochener Fahrt bei rund 17 km/h, noch ohne nennenswertes Ermüdungsgefühl, liegt der Verbrauch pro Kilometer bereits rund 20 % über dem Anfangswert (Untersuchungen über den Gaswechsel und Energieumsatz des Radfahrers, Berlin 1899). Wer lange fährt, muss also einen mit der Dauer steigenden Mehrbedarf decken.

Cognac und Champagner: der Alkohol

Befund. Im Ausdauersport des späten 19. Jahrhunderts war Alkohol ein verbreitetes Getränk am Körper des Sportlers — Champagner und Cognac im Geh- und Laufsport, Rotwein, Champagner und Branntwein bei der frühen Tour de France ab 1903. Als Getränk gehörte Alkohol selbstverständlich dazu; Nathan Zuntz und Wilhelm Schumburg führten in ihren Stoffwechselversuchen (1901) Cognac und Bier sogar ausdrücklich auf dem „Diätzettel“.

Vorbehalt. Was die Fahrer der großen Distanzfahrten der 1890er — Josef Fischer, Gerger und die übrigen — konkret tranken, ist zeitgenössisch kaum gesichert. Die Cognac-Anekdote ist plausible Zeitfarbe, kein Fahrt-Beleg. Ob und wie Alkohol als Leistungsmittel gedacht wurde, behandelt das Thema Reizmittel und Doping.

Kaffee und Mate: das Koffein

Befund. Koffein gehörte zur dokumentierten Kost: In den Stoffwechselversuchen von Zuntz und Schumburg (1901) stand Kaffee neben Bier und Cognac fest auf dem „Diätzettel“, und das Frühstück der Versuchspersonen bestand oft nur aus „einer Tasse Cacao oder Kaffee“. Als mildes, verträgliches Anregungsmittel war Kaffee die unauffällige Alternative zu Alkohol und den schärferen Reizmitteln.

Mate. Mate — der koffeinhaltige Aufguss aus Südamerika — war in Europa um 1900 bekannt, und ein konkreter Beleg verbindet ihn früh mit dem Rad: 1919 brachte der Bayreuther Fabrikant Obst das Getränk „Yermeth“ heraus — alkoholfrei und kohlensäurehaltig, aus Paraguaytee (Mate), versetzt mit zitronensaurem Natrium und Natriumkarbonat und reich an den Wirkstoffen des Mate (Koffein, Kaffeegerbsäure, Pflanzeneiweiß); das „schädliche Teeöl“ war entfernt. Das Getränk wirke „außerordentlich belebend“ und eigne sich laut zeitgenössischer Beschreibung „vorzüglich zum Füllen der Feldflaschen der Touristen, Radfahrer usw.“ Mate als Sportgetränk — mit Puffersalzen, die an moderne Elektrolytgetränke erinnern —, ein Jahrhundert vor dem ersten Energydrink-Regal. Auf den Grevet-Linien der Gegenwart steht Mate über den Partner caámate in derselben Linie — Koffein, das durch die Nacht trägt, ohne den Kater des Alkohols.

Fleisch, Brot und Zucker — die feste Kost

Befund. Wie eine dokumentierte Ausdauerkost um 1900 aussah, zeigen die Stoffwechselversuche von Nathan Zuntz und Wilhelm Schumburg (Studien zu einer Physiologie des Marsches, Berlin 1901): zugewogen wurden mageres Rinderfilet (Portionen zu 125 g), Cervelatwurst, Brot und Butter, dazu Eigelb, Orangenmarmelade und Zucker; als Genussmittel Kaffee, Bier und Cognac. Bier wurde bewusst als Kohlenhydratträger eingesetzt. Bemerkenswert: Die „belebende Wirkung“ des Zuckers „auf die ermüdeten Muskeln“ galt den Autoren schon als „genügend nachgewiesen“ — der messende Urahn der heutigen Kohlenhydrat-Verpflegung. Es ist eine Soldaten-Marschkost, kein Rennspeisezettel; aber sie zeigt, welche Lebensmittel die Zeit für Dauerleistung bereithielt: Fleisch für das Eiweiß, Brot und Zucker für die Kohlenhydrate.

Brot und Ernährung beim Rennfahrer: Hans Ludwig

Befund. Eine seltene Innensicht gibt der Berufsstraßenfahrer Hans Ludwig in seinem Buch „Der Straßenrennfahrer“ (um 1911). Empfohlen sei „gemischte Kost“, doch essen Berufsfahrer „ziemlich viel Fleisch“ — Ludwig begründet das mit der Verdauung: Fleisch brauche 5–7 Stunden, Gemüse werde rasch verdaut und müsse dem Magen laufend neu zugeführt werden. Vor langen Rennen seien Eier, Rumsteaks und Schnitzel beliebt; er habe Fahrer vor dem Start „2 bis 3 Rumsteaks“ essen sehen. Schweres schwarzes Brot (auch Pumpernickel) sei nahrhafter als Weißbrot — wer es gewohnt ist, dürfe es ruhig weiter essen.

Im Rennen. An den Kontrollstationen sei „Reis mit Himbeersaft“ das „idealste Nährmittel im Rennen“, dazu leicht verdauliche Fleischspeisen, rohe oder weichgekochte Eier und Obst — nur keine harten Eier. Getrunken werde Milch (der Limonade vorzuziehen) sowie mit Wasser bereiteter Kakao mit reichlich Zucker; Schnaps und Likör seien „auf alle Fälle zu vermeiden“. Ludwigs Diätetik ist damit nüchterner als das populäre Cognac-Bild — ein Praktiker, der auf leichte Verdaulichkeit und Zucker setzt statt auf Alkohol.

Velocio: der vegetarische Gegenentwurf

Befund. Gegen die Kost aus Fleisch, Alkohol und Reizmitteln stand früh eine Gegenposition. Paul de Vivie (1853–1930), der als „Vélocio“ die Zeitschrift Le Cycliste (ab 1887) herausgab, den Begriff cyclotourisme prägte und als Vater des französischen Rad-Ferntourismus und des Randonneurswesens gilt, war ab 1897 überzeugter Vegetarier und lebte betont frugal. Er verstand Ernährung und Rad als ein gemeinsames Experiment: seine vielfach übersetzten Kettenschaltungen und die „strikt vegetarische Ernährung“ seien zwei Seiten desselben Belegs, dass man energisch treten und lange leben könne. In seinen „sieben Geboten“ für den klugen Radfahrer riet er — ausdrücklich für die Tour — zum Verzicht auf Wein, Fleisch und Tabak sowie dazu, zu essen, bevor der Hunger, und zu trinken, bevor der Durst kommt.

Interpretation. Velocios Linie — wenig, pflanzlich, nüchtern, aus eigener Kraft — steht dem heutigen Grevet-Ethos näher als die Cognac-Flasche: nicht das Reizmittel, sondern die Mäßigung als Dauerstrategie. Und es ist ausgerechnet Le Cycliste, aus dem dieses Archiv die frühe Schilderung des nächtlichen Fahrens zitiert — ein Beleg, wie eng Technik, Ernährung und Lebensführung im frühen Fernradsport verschränkt waren.

Befund und Interpretation

Dokumentiert ist, welche Lebensmittel und Getränke die Epoche für Dauerleistung kannte: Alkohol als selbstverständliches Getränk, Fleisch, Brot, Zucker und Bier als kontrollierte Kost, haltbares Roggenbrot als Reiseproviant. Nicht dokumentiert ist der konkrete Speisezettel einzelner Distanzfahrer. Das populäre Bild — der Fahrer, der sich mit Cognac und Pumpernickel über den Brenner quält — ist stimmige Zeitfarbe, kein Befund. Für die Grevet-Linien der Gegenwart bleibt die Logik dieselbe: Wer viele Stunden fährt, versorgt sich selbst — ohne Begleitfahrzeug, aus dem, was Strecke und eigene Taschen hergeben.

Quellenvorbehalt. Vieles in diesem Thema stammt aus Erlebnisberichten (Memoiren wie dem Buch von Hans Ludwig), aus Werbetexten (die Yermeth-Beschreibung ist Herstellerreklame und verspricht die Eignung, statt sie zu belegen) und aus Anekdoten. Solche Quellen belegen, was behauptet, beworben und geglaubt wurde — nicht die tatsächliche Wirkung oder den tatsächlichen Gebrauch. Wir führen sie als Zeugnisse der Vorstellungswelt des frühen Fernradsports, nicht als Wirksamkeitsnachweis.

Quellen und Literatur

Quellen (Primär): Nathan Zuntz & Wilhelm Schumburg, Studien zu einer Physiologie des Marsches (Berlin: Hirschwald, 1901) — Diätzettel und Zuckerwirkung; Leo Zuntz, Untersuchungen über den Gaswechsel und Energieumsatz des Radfahrers (Berlin: Hirschwald, 1899); Nathan Zuntz, Über die Rolle des Zuckers im thierischen Stoffwechsel (1896); zeitgenössische zeitgenössische Produktbeschreibung des Mate-Getränks „Yermeth“ (Fabrikant Obst, Bayreuth, 1919); die Zeitschrift Le Cycliste (Paul de Vivie „Vélocio“, ab 1887); Hans Ludwig, Der Straßenrennfahrer (Frankfurt a. M., um 1911).

Forschungsliteratur: Hanns-Christian Gunga, Nathan Zuntz. His Life and Work in the Fields of High Altitude Physiology and Aviation Medicine (Academic Press 2009); kulturgeschichtliche Literatur zu Pumpernickel und westfälischem Roggenbrot; Überblicksdarstellungen zur Alkoholpraxis im frühen Radsport; biografische Literatur zu Paul de Vivie („Vélocio“) und seiner vegetarischen Diätetik (u. a. Raymond Henry).

Verwandte Themen: Reizmittel und Doping · Verpflegung und Kontrolle · Die Vermessung der Ermüdung · Macadam und Tarmacadam. Fahrten mit Bezug: Mailand–München 1894, Paris–Brest–Paris 1891.