Archiv · Fahrt

Die Antwort des Nordens auf Wien–Berlin und Paris–Brest–Paris: 250 Kilometer von der dänischen Grenze bis vor die Tore Hamburgs. Ab 1894 — und eine der ganz wenigen frühen Distanzfahrten, bei der auch eine Frau am Start stand.

Als Anfang der 1890er die großen Straßen-Fernfahrten aufkamen — Bordeaux–Paris und Paris–Brest–Paris 1891, Wien–Berlin 1892/93 —, wollten die vier norddeutschen „Gaue“ des Bundes Deutscher Radfahrer (Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg) zeigen, dass auch im hohen Norden leistungs- und leidensfähige Fahrer leben. Sie lobten 1.000 Reichsmark aus und suchten einen möglichst nördlichen Start. So fiel die Wahl auf Hadersleben (heute Haderslev, Süddänemark) nahe der damaligen Reichsgrenze — und die Alliteration „Hadersleben–Hamburg“ tat ihr Übriges.

Kennzahlen: Erstausgabe 9. September 1894 (Sonntag) · rund 250 km · 27 Starter, bis auf einen alle im Ziel · Sieger Christian Andersen (Holsatia Kiel), 9:35 — mit Schrittmachern.

Was gesichert ist

Die Strecke führte über Apenrade, Flensburg, Schleswig, Rendsburg, Eckernförde, Kiel, Neumünster und Barmstedt bis zu einem Gasthof nahe dem Bahnhof Eidelstedt westlich von Hamburg. 1894 gewann Christian Andersen aus Kiel in 9:35 vor Albert Suhr vom Altonaer Bicycle-Club (10:43). 1895 unterbot Wilhelm Uren (Hamburg) mit 9:23 die Siegerzeit; kurz vor dem Ziel brachten Zuschauer den Kieler Wiegand und seinen Schrittmacher zu Fall — ein frühes Lehrstück über fehlende Absperrungen.

Das Rennen fuhr mit Schrittmachern und blieb lange ein regionales Ereignis: um 1900 waren zeitweise nur Fahrer des Gaus Hamburg zugelassen, 1905 öffnete es sich wieder für alle Bundesmitglieder (Sieger Haertel/Hamburg, 9:59:10). Ausgetragen wurde Hadersleben–Hamburg ab 1894, vermutlich bis um 1906, möglicherweise letztmals 1913; Erster Weltkrieg und die Grenzabstimmung von 1920 beendeten die Serie.

Eine Frau im Männerfeld

Anders als die ganz großen Distanzfahrten, die reine Männerfelder blieben, stand bei Hadersleben–Hamburg mit Gertrude Rodda eine Frau am Start. 1898 erreichte sie als Nr. 15 in 11:14:00 das Ziel und schlug dabei bekannte Fahrer; 1899 und 1900 war sie erneut dabei. Bei der Austragung Hadersleben–Schnelsen 1900 (acht Starter, Schrittmacher per Automobil) wurde sie Dritte in 8:59:40 und musste am Ziel ohnmächtig vom Rad gehoben werden. Nach 1900 schloss der Deutsche Radfahrer-Bund Frauen von offiziellen Rennen aus.

Was offen bleibt

Das genaue letzte Austragungsjahr ist unklar; nach 1905 schweigen die Altonaer Nachrichten. Die vollständige Siegerliste ist nur über das Sport-Album der Rad-Welt (1903) teilweise überliefert und wäre an weiteren zeitgenössischen Quellen zu prüfen.

Quellen

Lars Amenda, „Hadersleben–Hamburg. Ein Radrennen in Norddeutschland um 1900″ (Altonaer Bicycle-Club, 2014) sowie „Gertrude Rodda – eine Radsportpionierin um 1900″ (netzwerk fahrrad/geschichte, 2022); Altonaer Nachrichten 1894/1895/1905; Sport-Album der Rad-Welt (1903).

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