Archiv · Fahrt
Spaniens erste große Straßenfahrt: 208 Kilometer von Salamanca über die Sierra nach Madrid, ein Jahr vor Paris–Roubaix, vierzig Jahre vor der ersten Vuelta. Eine Austragung, dann nie wieder.
Am Sonntag, dem 12.05.1895, fuhren vier Velocipedisten von Salamanca nach Madrid. Drei kamen an. Die Fahrt ist der früheste belegte Fall einer spanischen Distanzfahrt — und der Grund, warum die Iberische Halbinsel in diesem Archiv überhaupt vorkommt.
Kennzahlen: 12.05.1895 · 208 km · 5 Nennungen, 4 Starter, 3 Ankommende · Sieger Julián Lozano in 9:18
Was gesichert ist
- Datum und Distanz: Sonntag, 12.05.1895, 208 Kilometer. (La Gaceta de Salamanca, Rückblick 2024, nach „La Información“ und „El Deporte Velocipédico“)
- Streckenführung: Salamanca → Chaherrero (Provinz Ávila, km 65) → Villacastín → Madrid, mit erheblichen Höhenunterschieden — die Linie quert die Sierra zwischen Kastilien und Madrid.
- Fünf Nennungen, vier Starter: Argüello gab vor dem Start wegen Rückenschmerzen auf. Drei erreichten Madrid; Jiménez stieg bei Kilometer 83 aus.
- Sieger war Julián Lozano aus Madrid in 9 Stunden 18 Minuten. Zweiter wurde Orencio Pedrós mit 54 Minuten Rückstand, Dritter Fernando Ribed mit 2 Stunden 40 Minuten.
- Lozano fuhr die Strecke mit drei Swift-Rädern von je rund 12 Kilogramm, Pedrós mit einem einzigen.
- Der Fahrt ging eine Erkundung im Winter voraus, bei der die Teilnehmer an den Pässen auf einen halben Meter Schnee trafen. (Alejandro Luis Iglesias, Salamanca-Madrid en velocípedo, 1895. Historia de una carrera)
- Es blieb bei dieser einen Austragung.
- Mit 208 Kilometern lag die Fahrt unter der zeitgenössischen Schwelle: Als Distanzfahrt galt eine Strecke von rund 300 Kilometern an. Nach dem Maßstab ihrer Zeit war Salamanca–Madrid ein Straßenrennen – sie steht hier, weil sie zur Gattungsgeschichte gehört. (Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in: Allgemeine Sport-Zeitung, Teil 3, 02.02.1895, S. 110–111)
Drei Räder für einen Fahrer
Der interessanteste Satz der Überlieferung ist der über das Material. Lozano gewann mit drei Rädern, Pedrós verlor mit einem. Damit steht in Spanien 1895 dieselbe Frage wie zur gleichen Zeit in Mitteleuropa: Ist der Maschinenwechsel Teil der Leistung oder deren Umgehung?
Bei Basel–Cleve 1894 erlaubte Paragraf 6 der Ordnung Schrittmacher und Maschinenwechsel ausdrücklich. Bei Wien–Triest 1895 wurde eigens vermerkt, dass Josef Fischer ohne Maschinenwechsel gewann — eine Hervorhebung, die nur Sinn hat, wenn der Wechsel erlaubt und üblich war. Dass ein Sieger drei Räder brauchte und ein Verlierer eines, sagt viel über den Zustand der Technik: Ein Rad von zwölf Kilogramm hielt 208 Kilometer kastilische Straße nicht zuverlässig durch.
Einordnung
Die spanische Radsportpresse führt die Fahrt als erstes großes Straßenrennen des Landes — ein Jahr vor Paris–Roubaix und Paris–Tours, vier Jahrzehnte vor der ersten Vuelta a España. Für dieses Archiv ist sie vor allem ein Beweis dafür, dass die Distanzfahrt kein mitteleuropäisches Phänomen war. Dieselbe Gattung — eine Strecke zwischen zwei Städten, an einem Stück, von einem Verein ausgeschrieben, von der Lokalpresse begleitet — entstand in denselben Jahren in Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Russisch-Polen und Spanien, ohne dass einer vom anderen abschrieb. Sie entstand, weil Straße, Rad und Zeitung gleichzeitig verfügbar wurden.
Dass es bei einer Austragung blieb, teilt sie mit vielen Fahrten dieser Jahre. Die Gattung war erfolgreich, die einzelnen Veranstaltungen waren es oft nicht — vier Starter sind kein Geschäftsmodell.
Was offen bleibt
- Der Veranstalter. Die Quellen widersprechen sich: genannt werden die Sociedad Velocipedista Madrileña und der Club Velocipédico Madrileño unter Manuel Cerecedas, der zugleich der spanischen Radfahrer-Union vorstand. Möglich ist, dass beide beteiligt waren; geklärt ist es nicht.
- Jiménez. Eine Quelle nennt ihn „Jiménez Madrid“ — unklar, ob Doppelname oder Herkunftsangabe.
- Die Streckenführung im Detail. Welchen Pass die Fahrt nahm — Guadarrama oder Alto del León — ist hier nicht belegt. Das entscheidet über das Höhenprofil.
- Startzeit und Kontrollen. Nicht ermittelt.
- Die Originalquellen. „La Información“ (Salamanca) und „El Deporte Velocipédico“ sind bisher nur mittelbar ausgewertet. Die Hemeroteca Digital der Biblioteca Nacional de España wäre der Weg zum Wortlaut.
- Weitere spanische Fahrten der 1890er. Wenn 1895 vier Fahrer die Sierra querten, gab es Vorläufer und Nachfolger. Bisher ist keine zweite spanische Distanzfahrt dieser Jahre im Archiv.
Quellen
La Gaceta de Salamanca, „La primera gran carrera ciclista: Salamanca-Madrid en 9 horas“, 24.08.2024, gestützt auf „La Información“ (Salamanca) und „El Deporte Velocipédico“ · Alejandro Luis Iglesias, Salamanca-Madrid en velocipédo (1895). Historia de una carrera · librosderuta.com zur Buchvorstellung. Die zeitgenössischen Blätter sind noch nicht im Original gesehen.
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