Archiv · Fahrt
Italiens eigene große Distanzfahrt – und der Ursprung eines Begriffs, der heute etwas ganz anderes meint. Die Gran Fondo-La Seicento war ein Rennen über mehr als 600 Kilometer mit Start und Ziel in Mailand; Premiere 1894.
Erstmals 1894 ausgetragen (Sieger Eugenio Sauli), nach finanziellen Problemen erst 1902 wieder – und bis 1979 in insgesamt dreizehn Auflagen. Der Name „La Seicento“ (die Sechshundert) rührt daher, dass die meisten Austragungen über 600 Kilometer führten, als Eintagesrennen an einem Stück.
Kennzahlen: Premiere 1894 · Start/Ziel Mailand · meist 500–670 km (Eintagesrennen) · Sieger 1894 Eugenio Sauli · 13 Auflagen bis 1979.
Was gesichert ist
In der Regel war es ein Distanzrennen mit Start und Ziel in Mailand. Während im deutschsprachigen Raum Fahrten wie Wien–Berlin, Mailand–München und Basel–Kleve das Feld prägten, setzte Italien hiermit einen eigenen Akzent. Zu den Siegern zählen Eugenio Sauli (1894), Enrico Brusoni (1902, 1904), Giovanni Gerbi (1905, 1907, 1908), Luigi Ganna (1912) und Costante Girardengo (1913) – spätere Größen des italienischen Radsports.
Mailand–Rom oder Mailand–Turin? Die Strecke
Die Streckenfrage lässt sich inzwischen klären: Standard war die Runde mit Start und Ziel Mailand. Abweichungen gab es 1902 (Mailand–Turin) und 1919 (Turin–Turin). Die ältere Angabe „Mailand–Rom“ ist nicht belegt und beruht vermutlich auf einer Verwechslung; die in der Enciclopedia dello Sport (Treccani) genannte Strecke „Mailand–Turin“ bezieht sich auf die Austragung 1902, nicht auf Saulis Premiere 1894.
„Gran Fondo“ – damals und heute
Der Begriff hat seine Bedeutung völlig gewandelt. 1894 war „La Gran Fondo“ der Name eines bestimmten Rennens – der langen Mailänder Distanzfahrt. Heute bezeichnet Gran Fondo ein Format: die italienische Massenstart-Radveranstaltung, meist mit den drei Streckenlängen corto, medio und lungo, vergleichbar einem Stadtmarathon – vorn ein echtes Rennen, dahinter Tausende, die ankommen wollen.
Dieses moderne Format geht auf das Jahr 1970 und den Nove Colli zurück; populäre Beispiele sind der Maratona dles Dolomites oder, international, der Gran Fondo New York. Mit der historischen La Seicento von 1894 teilt es den Namen und die Idee der großen Distanz – nicht aber Strecke, Regeln oder Teilnehmerzahl.
Wie Italien die Grenze heute zieht
Der Begriff ist inzwischen geregelt, und zwar genauer als damals. Die italienische Radsportföderation unterscheidet Medio Fondo (78 bis 119 km) von Gran Fondo (über 120 km oder mit einem DD-Koeffizienten über 200; DD ist Distanz in Kilometern mal Höhenmeter in Kilometern). Für das nicht wettkampfmäßige Fahren gilt eine Obergrenze von 300 Kilometern am Tag, bei Mehrtagesveranstaltungen 160 Kilometer täglich; Randonnées oberhalb von 200 Kilometern laufen über die Audax Randonneur Italia.
Zwei Dinge daran sind für dieses Archiv bemerkenswert. Erstens kehrt die Zahl 300 zurück – aber umgekehrt: Was den Zeitgenossen der 1890er Jahre die Untergrenze war, ab der eine Fahrt als Distanzfahrt galt, ist heute die Obergrenze des nicht wettkampfmäßigen Eintagesfahrens. Zweitens schreibt das Reglement für diese Veranstaltungen vor, dass es keinerlei Wertung geben darf: Zeiten dürfen veröffentlicht werden, aber nur in alphabetischer Reihenfolge der Teilnehmenden.
Damit beantwortet eine Verbandsnorm von heute genau die Frage, die dieses Archiv an den Fahrten von 1894 stellt – wem eine Leistung gehört und was als Zeugnis zählt. Die Antwort lautet hier: Die Fahrt wird bezeugt, die Rangfolge wird verweigert. Quellen: Federciclismo, Norme Attuative Attività Amatoriale 2026; ARI – Audax Randonneur Italia, Regolamento Brevetti Strada.
Austragungen und Sieger
Dreizehn Auflagen zwischen 1894 und 1979, durchweg als Eintagesrennen, mit Distanzen zwischen 340 und 670 Kilometern. Nach der Premiere 1894 ruhte das Rennen aus finanziellen Gründen bis 1902. Von 1902 bis 1905 lief es als Corsa Nazionale – La Seicento, 1906 bis 1908 nur als Corsa Nazionale. Vom Standardkurs mit Start und Ziel in Mailand wich es zweimal ab: 1902 als Mailand–Turin, 1919 als Turin–Turin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur noch eine Austragung, 1979.
1894 Eugenio Sauli · 1902 Enrico Brusoni · 1903 Giovanni Rossignoli · 1904 Enrico Brusoni · 1905 Giovanni Gerbi · 1906 Carlo Galetti · 1907 Gerbi · 1908 Gerbi · 1912 Luigi Ganna · 1913 Costante Girardengo · 1919 Alfredo Sivocci · 1941 Aldo Bini · 1979 Sergio Santimaria.
Damit ist eine Frage erledigt, die hier kurz offenstand. Gerbis Siege von 1905, 1907 und 1908 gehören tatsächlich zu diesem Rennen. Dass er 1905 auch die erste Lombardei-Rundfahrt und 1907 bis 1909 Rom–Neapel–Rom gewann, ist kein Widerspruch, sondern dieselbe Saison in verschiedenen Rennen.
Eine Unstimmigkeit bleibt in der Vorlage selbst: Dort ist von dreizehn Auflagen die Rede und zugleich davon, dass sechs von neun Rennen über 600 Kilometer lang waren. Die Grundgesamtheit der neun ist nicht erklärt; die Distanzangaben sind an der italienischen Quelle zu prüfen.
Was offen bleibt
Die genaue Streckenlänge der Premiere 1894 ist nicht einheitlich überliefert. Davon zu trennen ist eine rein touristische Gemeinschaftsfahrt Mailand–Rom von 1895 (Touring Club, rund 70 Teilnehmer), die kein Rennen war. Zeitgenössische italienische Rennberichte wären zur Absicherung zu ergänzen.
Quellen
radsportseiten.com (Siegerliste, Austragungen); Museo del Ciclismo; zur Touring-Club-Fahrt 1895 novecento.org. Zeitgenössische Rennberichte zu ergänzen.
Zurück zum Distanzfahrten-Archiv.