Die Geschichte von Mailand–München
Ein Pionierstück über die Alpen
Die Distanzradfahrt Mailand–München, erstmals 1894 ausgetragen, gilt als die erste große transalpine Raddistanzfahrt und als Höhepunkt der frühen Radsportgeschichte im deutschsprachigen Raum. Während Wien–Berlin die
Weite der Ebenen erschloss und Wien–Triest die Verbindung von Metropole und Meer symbolisierte, wagte Mailand–München den Sprung ins Hochgebirge – über den Brennerpass, mitten durch die Alpen.
Ein Pioniergeist der Extreme
46 Fahrer standen in Mailand am Start. Ihr Ziel: die bayerische Hauptstadt, 590 Kilometer entfernt. Die Strecke führte durch die lombardische Ebene, vorbei am Gardasee, durch das Etschtal und schließlich über den Brennerpass, ehe es
durchs Inntal und über Rosenheim nach München ging. Regen, Hagel, Schlammlöcher und frostige Nächte machten die Fahrt zur Tortur. Viele gaben auf, nur eine Handvoll erreichte das Ziel.
Der Sieger: Josef Fischer
Nach 29 Stunden und 32 Minuten rollte der Münchner Josef Fischer als Erster ins Ziel. Damit krönte er sich – nach seinem Sieg bei Wien–Berlin im Vorjahr – endgültig zum herausragenden Distanzfahrer seiner Zeit. Gefeiert
von Tausenden, die ihn bejubelten und mit Preisen überhäuften, schrieb Fischer ein weiteres Kapitel Radsportgeschichte.
Der Rivale: Max Reheis
Knapp anderthalb Stunden später folgte sein Dauerrivale Max Reheis aus Wasserburg. Er galt als unermüdlicher Kämpfer, erreichte trotz technischer Probleme und widrigster Umstände das Ziel – und wurde daheim als Held
empfangen. Doch schon bald sollten Anschuldigungen und Proteste die sportliche Leistung überschatten.
Fortsetzungen und spätere Austragungen
Mailand–München blieb kein einmaliges Pioniergeist. In den Jahren nach 1894 wurde die Distanzfahrt mehrfach neu aufgelegt – teils als offizielles Rennen, teils als populäre Distanzfahrt für Amateure. Besonders um die Jahrhundertwende
galt sie als Königsprüfung der Langstrecke, gleichrangig mit Wien–Berlin und Paris–Brest–Paris.
Mit jeder Austragung wuchs die Symbolkraft: Die Alpenüberquerung war mehr als nur sportliche Herausforderung, sie stand für Verbindung von Nationen und Kulturen, für technische Innovation und für die Entschlossenheit
einer ganzen Generation, die Grenzen des Fahrrads immer weiter hinauszuschieben.
Im Laufe der Zeit aber verschwand Mailand–München wieder vom Kalender. Der wachsende Straßenverkehr und die Professionalisierung des Radsports verlagerten die großen Rennen auf andere Formate. Doch die Erinnerung blieb – als Meilenstein,
an dem sich die Geschichte des Radsports bis heute ablesen lässt.
Vom Eintagesrennen zum Etappenformat
Während die erste Ausgabe 1894 ein Eintagesrennen war, entwickelte sich Mailand–München in den folgenden Jahrzehnten zu einem unregelmäßig ausgetragenen Klassiker. Die Distanz blieb mit knapp 590 Kilometern gleich, doch das
Format variierte: Mal als Distanzfahrt an einem Tag, mal als mehrtägige Etappenprüfung.
Zwischen den Kriegen – ein Länderkampf auf zwei Rädern
In den 1930er-Jahren erhielt die Strecke eine explizit politische Dimension. 1937 wurde sie als offizieller Länderkampf zwischen Deutschland, Italien und Österreich ausgetragen, diesmal über drei Etappen – zu diesem Zeitpunkt war Österreich noch ein eigenständiger Staat. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 existierte dieser dritte Staat nicht mehr: Die Ausgaben 1938 und 1940 waren nur noch für Fahrer aus dem Deutschen Reich und Italien ausgeschrieben, den beiden Staaten der Achse Rom–Berlin. Zugleich kehrte sich in diesen Jahren die Fahrtrichtung um: Statt wie ursprünglich von Mailand nach München führte das Rennen nun von München nach Mailand – und rückte damit München, das die NSDAP seit 1935 offiziell als „Hauptstadt der Bewegung“ führte, symbolisch ins Zentrum des Rennens. Schon die Reihenfolge der Nennung verrät den Anspruch dahinter: Deutschland zuerst genannt, der deutsche Verband als Organisator – die vielbeschworene „Kameradschaft“ war von Beginn an als Hierarchie zwischen ungleichen Partnern gedacht, nicht als Wettkampf unter Gleichen.
Palmarès – die Sieger von Mailand–München
- 1894 Josef Fischer (Deutschland)
- 1910 Peter Strasser (Österreich)
- 1912 Georg Schmid (Deutschland)
- 1937 Richard Menapace (Österreich)
- 1938 Mario De Benedetti (Italien)
- 1939 Aldo Ronconi (Italien)
- 1940 Doro Morigi (Italien)
Ein Mythos verblasst
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erlosch die Tradition. Nach 1940 wurde Mailand–München nicht mehr ausgetragen. Doch die Erinnerung an dieses Rennen ist nicht unkompliziert. Die Ausgaben von 1937 bis 1940 waren ein Prestigeprojekt der faschistischen und nationalsozialistischen Regime – ein „Länderkampf“ der „Achsenländer“, inszeniert mit Preisen von Hitler, Mussolini und Schuschnigg. Wir dokumentieren diese Geschichte, verklären sie aber nicht: Supergrevet knüpft an die Ursprungsfahrt von 1894 an – an das Fahrrad als Beweismittel einer offenen Epoche –, nicht an die Propaganda der dreißiger Jahre.
Ein Vermächtnis für den Radsport
Trotz aller Skandale markierte Mailand–München einen Wendepunkt. Es zeigte, dass das Fahrrad selbst die Alpen bezwingen konnte. Der Sieg Fischers stand für den technischen Fortschritt, die Duelle mit Reheis für die Leidenschaft und
Dramatik einer jungen Sportart.
So bleibt Mailand–München ein Symbol für die Pionierzeit des Radsports: eine Mischung aus heroischem Pioniergeist, sportlicher Grenzerfahrung und menschlichem Drama, die über Jahrzehnte nachwirkte und den Mythos bis heute
lebendig hält.
*Hinweis zur Strecke: Die Routenführung kann sich z.B. aufgrund von Witterung, Fahrbarkeit, Wegsperrungen oder behördlichen Auflagen geringfügig ändern. Alle Teilnehmenden erhalten vor dem Start die finale Version der Strecke als
GPX-Datei sowie eine aktuelle Übersicht im Routenbuch mit allen POIs, Checkpoints und Übernachtungsoptionen. Änderungen bleiben vorbehalten.