Archiv · Person
Vor den Verbänden kommen die Leute, die Verbände gründen. In Berlin war das ein englischer Handelsvertreter – und als der deutsche Radsport stand, war für ihn kein Platz mehr darin.
Dieses Archiv erzählt Fahrten. T. H. S. Walker fuhr auch, aber er gehört aus einem anderen Grund hierher: Er hat die Form gebaut, in der in Deutschland gefahren wurde. Verein, Bahn, Reglement, Verbandskongress, Fachblatt – alles innerhalb von acht Jahren, alles von derselben Person, und das meiste davon, bevor es jemanden gab, der sich dafür zuständig fühlte.
Der Vertreter
T. H. S. Walker – ausgeschrieben, laut Rabenstein 1995, Thomas Henry Sumpter Walker –, 1855 in Cambridge geboren, kam 1877 als Vertreter der englischen Howe Machine Company nach Berlin. Weitere Vertretungen (St. George’s Engineering, Rudge, Quadrant Tricycle) und ein Geschäft in der Zimmerstraße nennt Rabenstein 1995; zeitgenössisch (Höfer 1901) belegt ist nur die Howe Machine Co. Das ist keine Nebenangabe: Er verkaufte, was er organisierte. Wer Rennen braucht, damit Räder verkauft werden, hat ein Interesse daran, dass Rennen regelmäßig stattfinden – und dafür braucht es Vereine, Bahnen und einen Kalender.
Was er baute
1881 gründete er den „Ersten Berliner Bicycle-Club“ und blieb bis 1889 dessen Vorsitzender. 1884 setzte er einen zweiten Verein auf – den „Verein für Velociped-Wettfahren in Berlin“ –, dessen einziger Zweck eine Rennbahn war; sie wurde im November 1884 an der Brückenallee eröffnet. 1886 holte er den Kongress des Deutschen Radfahrer-Bundes nach Berlin und hängte Rennen daran, bei denen erstmals der Kaiserpreis ausgefahren wurde – gewonnen von Johannes Pundt. 1889 richtete er Berlin–Hamburg aus, wieder mit Pundt als Sieger.
Die Berliner Bahngeschichte beginnt damit nicht in Friedenau, sondern fünfzehn Jahre früher und zwei Kilometer vom Tiergarten entfernt. Und sie beginnt nicht bei Sportlern, die sich zusammenschließen, sondern bei einem Kaufmann, der die Vereine erst herstellt, damit es etwas zu organisieren gibt.
Das Blatt
Ab August 1881 gab Walker Das Velociped heraus – das erste deutsche Fachblatt des Radsports, drei Jahre vor dem Verband, dem es danach als Der Radfahrer als Organ diente. Er war Herausgeber und Autor in einer Person und brachte 1888 George Lacy Hilliers The Art of Cycle Racing dreisprachig heraus.
Die Reihenfolge ist das Interessante: zuerst die Zeitschrift, dann der Verband. Wer die Berichterstattung besitzt, bestimmt, was als Ereignis gilt – dasselbe Muster wie in Paris, Bordeaux und Stockholm, nur dichter. Siehe Presse und Organisation.
Die Regel, die ihn selbst traf
1882 übertrug Walker die englischen Amateurregeln nach Deutschland, wo es noch keine Berufsfahrer gab, gegen die sie sich hätten richten können. Nach ihrem Wortlaut war er selbst keiner, weil er für eine Fahrradfirma arbeitete. Später wurde die Bestimmung geändert; sie traf nicht nur ihn, sondern die ganze Händlerschaft. Der Fall ist klein und lehrreich: Zurechnungsregeln entstehen nicht aus einem Prinzip, sondern aus dem Streit um den Einzelfall, der sie unhaltbar macht.
Der Abgang
Ende der 1880er Jahre richteten sich Angriffe gegen ihn, die nicht seiner Arbeit galten, sondern seiner Herkunft – aus Teilen derselben Verbände, die er aufgebaut hatte, und obwohl er die deutsche Staatsangehörigkeit anstrebte. Ende 1889 gab er mit 34 Jahren alles ab und ging zurück nach England. Sein Mitstreiter Robert Höfer schrieb zwölf Jahre später, Walker habe sich verärgert über engstirnige Ansichten aus der Fahrrad-Bewegung verabschiedet. Höfer, Zwanzig Jahre deutscher Radrennsport, Berlin 1901, S. 35 – der Satz liegt bisher nur in einer Rückübersetzung aus dem Englischen vor.
Damit steht Walker mitten in der Spannung, die dieses Archiv trägt. Die Distanzfahrten waren europäisch gedacht und national ausgewertet: Fahrer, Industrie, Militärwesen einer Nation sollten etwas vorführen. Walker ist der Fall, an dem man sieht, was das kostet. Der Austausch war die Voraussetzung des deutschen Radsports; die nationale Zurechnung war das Ende seiner Rolle darin – zwanzig Jahre bevor dieselben Fahrten offen zur Leistungsschau der Nationen erklärt wurden.
Was offen bleibt
Nach 1889 verliert sich die Spur fast vollständig: eine Schiffspassage nach New York 1924, ein Wohnort in Bristol, 1936 eine Anzeige, mit der ein Londoner Notar Erben suchte. Ungeklärt sind sein tatsächlicher Anteil an der Verbandsgründung von 1884 gegenüber den deutschen Funktionären, der Verbleib der Jahrgänge von Das Velociped und die Frage, ob er in England noch im Radsport arbeitete. Auch das Datum seines Todes – 1. Mai 1936 – hängt bislang an einer einzigen Fundstelle.
Quellen
Grundlegend: Rüdiger Rabenstein, „T. H. S. Walker – English cycling pioneer in Germany“, in: Cycle History. Proceedings of the 5th International Cycling History Conference, Cambridge 1994, hrsg. von Robert van der Plas, San Francisco 1995, S. 155–160. Dazu Robert Höfer, Zwanzig Jahre deutscher Radrennsport, Berlin 1901; The London Gazette (28. August 1874, 22. September 1936); George Lacy Hillier, The Art of Cycling, 1888.
Zum Stand: Höfer 1901 ist inzwischen eingesehen und bestätigt die Kerndaten (1855 Cambridge; Howe Machine Co., Entsendung nach Berlin 1877; „Das Velociped“ ab 1. August 1881, ab 1885 als „Der Radfahrer“ Verbandsorgan; Rennbahn-Verein an der Brückenallee 1884; Berliner Bundestag 1886 mit erstem Kaiserpreis, Sieger Joh. Pundt). Er korrigiert zugleich das Gründungsjahr des ersten Clubs auf Februar 1881. Nur über Rabenstein 1995 gestützt (nicht bei Höfer) und daher noch offen: der ausgeschriebene Name, die Firmen St. George’s/Rudge/Quadrant, das Geschäft in der Zimmerstraße, das Rennen Berlin–Hamburg 1889 und das Todesdatum 1936.
Verwandt: Johannes Pundt · Presse und Organisation · Das Fahrrad als Verkehrsmittel der Moderne · Hamburg–Berlin
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