Archiv · Thema
Die Distanzradfahrt beginnt nicht mit einem Rad. Sie beginnt mit 250 Pferden, von denen dreißig innerhalb einer Woche verendeten — darunter die beiden Siegerpferde.
Vom 1. bis 3. Oktober 1892 ritten österreichisch-ungarische und deutsche Offiziere die Strecke zwischen Berlin und Wien, gleichzeitig in beide Richtungen, 572 Kilometer. Ein Jahr später fuhren Radfahrer dieselbe Linie. Ohne den Ritt gibt es Wien–Berlin 1893 nicht — und ohne Wien–Berlin keinen mitteleuropäischen Fernradsport.
Kennzahlen: 01.–03.10.1892 · 572 km · 118 österreichische Offiziere, 132 deutsche Kavalleristen · Sieger Graf Starhemberg in 71:40
Was gesichert ist
- Veranstaltet von einer gemischten Kommission hochrangiger Offiziere beider Seiten; die deutsche Seite startete in drei Wellen, die österreichische am 1. Oktober.
- Gesamtsieger war Oberleutnant Graf Starhemberg (Österreich-Ungarn) in 71 Stunden 40 Minuten; bester Deutscher Premierleutnant Freiherr von Reitzenstein in 73:06.
- Innerhalb einer Woche nach dem Ritt verendeten 30 der 250 Pferde — darunter die Pferde der Sieger.
- Startgeld 100 Mark; erster Preis 20.000 Mark, zweiter 10.000, dritter 6.000, dazu je Seite ein Konditionspreis von 5.000 Mark.
- Der Ritt löste nationale Euphorie in beiden Ländern aus und war gleichzeitig aus Tierschutzgründen stark umstritten; die Presse berichtete teilweise negativ.
- Die erste große Langstrecken-Radfahrt entstand als direkte Folge im Folgejahr auf derselben Strecke.
Warum das Rad antrat
Die 71:40 des Grafen Starhemberg sind der Maßstab, gegen den 1893 gefahren wurde. Josef Fischer brauchte für die 582,5 Kilometer von Wien nach Berlin 31:00:22 — weniger als die halbe Zeit. Das war der Punkt, und er wurde in der zeitgenössischen Berichterstattung auch so verstanden: nicht als Sportergebnis, sondern als Beweis.
Dass Johannes Pundt den Ritt als Radfahrer begleitete und danach dieselbe Strecke für Räder anregte, macht die Linie persönlich nachvollziehbar. Er sah 572 Kilometer lang zu, was ein Pferd kostet — und wusste, dass sein Rad es besser kann.
Der Preis, den keiner zahlt
Die dreißig verendeten Pferde sind der Grund, warum dieses Archiv den Ritt führt und nicht nur erwähnt. Eine Prüfung der Ausdauer, bei der das Lebewesen, das die Arbeit leistet, nicht zustimmen kann und ein Achtel der Teilnehmer nicht überlebt, ist eine andere Sache als eine Prüfung, bei der ein Mensch sich selbst über die Grenze bringt. Beim Rad ist der, der entscheidet, auch der, der leidet.
Das ist der eigentliche Bruch von 1892/93, und er wurde damals auch so gesehen: Die Maschine ersetzte nicht das Pferd, weil sie schneller war — sie war beides, schneller und unbeteiligt. Was an der Distanzfahrt bis heute anziehend ist, die vollständige Zurechenbarkeit der eigenen Erschöpfung, ist an diesem Oktoberwochenende entstanden, als Gegenbild.
Die 20.000 Mark für den ersten Platz gehören zur gleichen Rechnung. Kein Radrennen dieser Jahre kam an diese Summe heran; Mailand–München 1894 setzte 1.000 Mark und eine goldene Trophäe aus. Der Staat bezahlte für militärische Ausdauer das Zwanzigfache dessen, was die Industrie für sportliche zahlte.
Was offen bleibt
- Die zeitgenössische Kritik im Wortlaut. Welche Blätter den Ritt angriffen und mit welchen Argumenten — das ist die interessanteste offene Frage, weil dieselben Argumente ein Jahr später für das Rad sprachen.
- Die Zahl der Ankommenden je Richtung und die Abbruchquote.
- Pundts Rolle. Wie weit er mitfuhr, in welcher Funktion, und wie aus seiner Anregung ein Komitee wurde.
- Starhembergs Zeit gegen Fischers Zeit: Ob der Vergleich 1893 ausdrücklich gezogen wurde, ist an der Berichterstattung zu prüfen.
- Die Quellen selbst sind nicht eingesehen: E. von Naundorff (Hrsg.), Der grosse Distanzritt Berlin–Wien, 1893, und Albin Freiherr von Reitzenstein, Mein Distanzritt Berlin–Wien, 1893 — ein Vortrag des deutschen Siegers vor der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 07.12.1892.
Quellen
Zusammenstellung nach dem Artikel der deutschen Wikipedia und seinen Nachweisen: E. von Naundorff (Hrsg.), Der grosse Distanzritt Berlin–Wien, 1893 · Albin Freiherr von Reitzenstein, Mein Distanzritt Berlin–Wien, 1893 · Martin Haller, Pferde unterm Doppeladler, 2002 · Gerhard Keerl, Reiter und Ritte, 2000. Dazu Distanzritt Wien–Berlin im October 1892, zusammengestellt nach Angaben der Theilnehmer, 1893. Keine der Schriften ist bisher eingesehen.
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