Archiv · Querschnittsthema · Technik und Straße
Worauf die Distanzfahrten wirklich gefahren wurden – und warum der Vergleich mit heutigem Asphalt oder Gravel in die Irre führt.
Worum es geht
Jede Fahrt in diesem Archiv wurde auf einem bestimmten Straßenbelag ausgetragen, und dieser Belag bestimmte Tempo, Verschleiß und Erschöpfung mit. Für die großen Fernfahrten des späten 19. Jahrhunderts heißt das: Sie liefen auf Macadam – nicht auf Asphalt und nicht auf dem, was wir heute „Gravel“ nennen. Dieses Querschnittsthema hält fest, was das konkret bedeutet.
Macadam: wassergebundener Schotter
Das Verfahren geht auf den schottischen Straßenbauer John Loudon McAdam (1756–1836) zurück, der es ab 1816 im Auftrag des Bristol Turnpike Trust großflächig durchsetzte. Eine Macadam-Straße besteht aus mehreren Lagen kleiner, kantiger, gebrochener Steine von einheitlicher Größe, in flachen, leicht gewölbten Schichten aufgebracht und – anfangs vor allem durch den Verkehr selbst – verdichtet; Steinstaub und Wasser binden das Gefüge. Entscheidend: kein Teer, kein Bitumen. Bei Trockenheit staubte die Decke stark, bei Nässe wurde sie weich und schlammig.
Bis etwa 1825 hatte sich das „macadam system“ in weiten Teilen Europas und Nordamerikas durchgesetzt. Als die Distanzfahrten begannen – Berlin–Hamburg 1889, Wien–Berlin 1893, Mailand–München 1894 –, war Macadam der Normalzustand der Überlandstraße.
Tarmacadam: der Teer kommt dazu
Erst nach 1900 kam der Teer. Der Nottinghamshire-Straßeningenieur Edgar Purnell Hooley beobachtete 1901 bei Denby (Derbyshire), dass ein zufällig mit Teer und Schlacke überdeckter Straßenabschnitt staubfrei blieb und nicht ausspurte. 1902 ließ er das Verfahren als „Tarmac“ – kurz für tar macadam, benannt zu Ehren McAdams – patentieren (GB 7796); 1903 folgte die Firmengründung. Tarmacadam bindet den Schotter mit Teer, macht die Decke staubfrei und tragfähiger – der technische Schritt hin zu den versiegelten Straßen der Automobilzeit.
Warum das für das Archiv zählt
Die „originalen“ Distanzfahrten fanden auf wassergebundenem Macadam statt, teils noch vor der Teer-Ära. 590 Kilometer über den Brenner auf Macadam, mit starrem Stahlrad ohne Gangschaltung, sind eine andere Leistung als dieselbe Distanz auf heutigem Asphalt. Wer die Zeiten von damals mit heutigen vergleicht, vergleicht auch zwei Straßenwelten. Und: Das heutige „Gravel“ ist kein Rückgriff auf Macadam, sondern eine eigene, moderne Oberfläche – die Kontinuität liegt in Distanz und Eigenverantwortung, nicht im Belag.
Quellen und Literatur
Quellen (Primär): John Loudon McAdam, Remarks on the Present System of Road Making (1816) und A Practical Essay on the Scientific Repair and Preservation of Public Roads (1819); britisches Patent GB 7796 (E. P. Hooley, „Tarmac“, 1902).
Forschungsliteratur: Standarddarstellungen zur Straßenbaugeschichte des 19. Jahrhunderts (Macadamisierung; frühe Teerdecke). Hinweis: populäre Darstellungen variieren in Details (Patentjahr 1901/1902, Fundort, „erste“ Tarmac-Straße); hier gegen die Primärwerke geprüft.