Original Long Distance Cycling · Das Fundament

Die Distanz war keine Kulisse für den Sport. Die Distanz war die Aufgabe.

Die Distanzfahrt entstand Ende des 19. Jahrhunderts als besondere Form des Straßenradsports. Anders als beim gewöhnlichen Straßenrennen ging es nicht allein um höchste Geschwindigkeit oder Kilometerleistung. Fahrer und Fahrrad sollten sich über große reale Entfernungen und unter den Bedingungen der Landstraße bewähren.

Eine Fahrt von Mailand nach München war deshalb mehr als eine Zahl. Sie führte durch die Lombardei, über die Alpen und durch mehrere Länder bis in die bayerische Hauptstadt. Gerade darin sahen die Zeitgenossen ihren Wert: Die Distanzfahrt machte für jeden verständlich, wozu das Fahrrad als Verkehrsmittel fähig war.

Das ist keine nachträgliche Deutung. Die Zeitgenossen haben 1894/95 selbst aufgeschrieben, was eine Distanzfahrt von einem gewöhnlichen Rennen unterscheidet — in einer wiederentdeckten Quelle, die zum Gründungsdokument dessen wird, was wir heute Original Long Distance Cycling nennen.

Nicht jedes lange Rennen ist eine Distanzfahrt

„Nicht jedes Strassenrennen – und möge es über die längste Strecke führen – ist eine Distanzfahrt. … Es kann die günstigste, ebenste und besterhaltene Strasse gewählt werden … Die Erreichung einer möglichst hohen Leistung ist das einzige Ziel einer solchen Fahrt. Die Distanzfahrt hingegen verfolgt auch noch wesentlich andere Ziele.“— Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in der Allgemeinen Sport-Zeitung, 1894/95.

Der Unterschied ist nicht die Länge, sondern das Ziel. Beim Straßenrennen zählt die Bestzeit — die Strecke darf nach Leistung optimiert werden, die ebenste Straße, der günstigste Wind. Die Distanzfahrt dagegen bewältigt die realen Bedingungen zwischen zwei Orten. Ihre Schwierigkeit ist nicht gewählt, sie ist gegeben.

Das Fahrrad als Verkehrsmittel

Sie will „neben der Erprobung der Fahrer die praktische Brauchbarkeit des Fahrrads als Fortbewegungsmittel für Distanzen jeder Grösse, insbesondere aber für längere Strecken, den Behörden und dem Publikum demonstrieren.“— Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in der Allgemeinen Sport-Zeitung, 1894/95.

Die Distanzfahrt war ein Realversuch mit dem Fahrrad. Nicht „wie schwer können wir Radfahren machen“, sondern „was kann dieses Verkehrsmittel wirklich leisten“. Das Fahrrad erscheint als Distanzmaschine — und genau daran knüpft unsere heutige Distanzrad-These an: das richtige Rad für eine Linie gewinnt nirgendwo, aber es verliert auch nirgendwo entscheidend.

Warum Mailand–München und nicht „800 Kilometer“

„Dass Huret im ‚Bol d’Or‘ in 24 Stunden fast 737 Kilometer zurückgelegt hat, ist dem Publikum im Allgemeinen gleichgültig. Dagegen zeigt es sofort Interesse, wenn es hört, dass ein Fahrer … die Lombardei durchquert, die Alpen in einer Höhe von 1400 Metern überschritten … und von der Metropole Norditaliens in die bayerische Hauptstadt gelangt ist.“— Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in der Allgemeinen Sport-Zeitung, 1894/95.

Kilometer allein sind abstrakt. Eine durchquerte Landschaft macht Distanz begreifbar. Deshalb ist „Mailand–München“ keine Bezeichnung für einen 800-Kilometer-Kurs: Die beiden Städte sind die Aufgabe. Die Zahlen beschreiben sie nur.

Ausdauer. Energie. Urteilskraft.

„Das erste Erforderniss … ist Ausdauer, und zwar in verschiedenem Sinne.“ … „Aufmerksamkeit, Ruhe, Scharfblick, Geistesgegenwart und Entschlossenheit sind weitere Eigenschaften, die … bei Distanzfahrten besonders nöthig sind.“— Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in der Allgemeinen Sport-Zeitung, 1894/95.

Die Quelle nennt drei Dimensionen — fast vollständig unsere heutige Vorstellung von dem, was Langstrecke prüft:

Ausdauer — die körperliche Fähigkeit, eine große Distanz zu bewältigen.
Energie — trotz Müdigkeit, Gegenwind, Steigungen und Unbequemlichkeit weiterzumachen.
Urteilskraft — Aufmerksamkeit, Ruhe, Scharfblick, Geistesgegenwart und Entschlossenheit, wenn die Fahrt lange dauert.

Langstrecke verlangt Ausdauer. Entscheidend wird, was von Aufmerksamkeit, Ruhe und Urteilskraft übrig bleibt, wenn die Ermüdung einsetzt.

Wir übernehmen die Aufgabe, nicht das Reglement

„…wo man des Aufgebots aller Willenskraft bedarf, um nicht nachzulassen und die ganze Sache aufzugeben. Hier muss die suggerierende Wirksamkeit der Schrittmacher einsetzen.“— Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in der Allgemeinen Sport-Zeitung, 1894/95.

Die historische Distanzfahrt war eindeutig Leistungssport: mit Wertung, Zeiten, Rekorden und Schrittmachern. Das romantisieren wir nicht. Aber wir übernehmen es auch nicht. Wo 1895 der Schrittmacher den Fahrer durch den „toten Punkt“ bringen sollte, entscheidet heute der Fahrer selbst: weiterfahren, essen, schlafen, warten, umkehren, reparieren. Genau daraus bekommt „self-supported“ seine inhaltliche Funktion — es ist kein modisches Label, sondern die eine Stelle, an der wir die historische Aufgabe bewusst verändern.

Wir übernehmen die Aufgabe der Distanzfahrt, nicht ihr historisches Reglement.

Maß, nicht Maximum

„Eine gewisse Mässigung ist jedoch unbedingt angebracht … die Maximaldauer sollte … 24 Stunden nicht oder nur wenig überschreiten, was einer Strecke von 500 bis 600 Kilometern entspräche.“— Officielle Festschrift zum XI. Bundestag des Deutschen Radfahrer-Bundes, wiedergegeben in der Allgemeinen Sport-Zeitung, 1894/95.

Schon die Quelle warnt vor Übertreibung — Schwierigkeit war nie das Ziel, sondern eine Folge der Aufgabe. Das verpflichtet auch uns: Die historischen Endpunkte sind nicht verhandelbar, der Weg dazwischen schon. „Historisch“ ist kein Freibrief für die spektakulärste Linie. Geschichte definiert die Aufgabe — die Routenplanung muss den Weg rechtfertigen.

1894 sollte die Distanzfahrt zeigen, was das Fahrrad kann. Supergrevet stellt diese Frage neu.

Die vollständige Quelle mit allen drei Teilen: Was sind Distanzfahrten? Eine wiederentdeckte Quelle von 1894. Weiter: Wie wir eine Linie planen · Dokumentation · Die Linie