Orientierung
Vier historische Linien, vier sehr unterschiedliche Charaktere. Die Frage ist nicht, welche die „beste“ ist — sondern welche zu deiner Erfahrung, deinem Rad und dem passt, was du auf der Distanz suchst.
Wie wir mit den Klassikern umgehen
Jeder Supergrevet folgt einer echten historischen Linie aus den 1890er-Jahren — dem Beginn des Langstreckenradsports. Wir nehmen diese Strecken ernst: Wir fahren die originale Linie in ihrer historischen Richtung, statt sie zu einer bequemen Schleife umzubauen oder die Richtung willkürlich zu drehen. Mailand–München etwa fährt die Richtung von 1894 — von Süden über die Alpen nach Norden, nicht umgekehrt.
Das ist kein Detail für Historiker. Es bedeutet: echte Anfahrten, echte Pässe, echte Ankunftsorte — und an markanten Punkten die Erinnerung daran, dass hier vor über 130 Jahren schon einmal jemand ohne GPS, ohne Support und auf schwerem Stahl unterwegs war. Genau das unterscheidet einen Supergrevet von einem austauschbaren Gravel-Event zwischen zwei Städten.
Die vier Linien im Vergleich
Alle sind self-supported und rund 650–800 km lang. Der Unterschied liegt im Höhenprofil, im Untergrund, in der Logistik — und darin, was dich mental erwartet. Ein Klick führt zur jeweiligen Fahrt.
Wien–Triest
Charakter: Die dichteste Kletterei im Programm — 14.000 Höhenmeter auf nur 650 km, viel Auf und Ab statt gleichmäßiger Anstiege. Über Alpen und Karst ans Meer, mit grandiosen, dreidimensionalen Panoramen.
Untergrund & Abfahrten: Bergiger Gravel; einzelne grobe Stellen kommen vor, sind aber nicht die Regel. Danach lange Abfahrten über den Karst.
Für wen: Wer Höhenmeter und Panoramen liebt und die kürzeste, aber steilste Linie sucht. Zu beachten: Hochsommer-Hitze im Juli.
Anreise: Start Wien, Ziel Triest — beide gut per Bahn erreichbar, auch für die Rückreise.
Mailand–München
Charakter: Der große Alpencross — lange Aufstiege und ein rund 175 km langer hochalpiner Kern. Tolle Panoramen, dreidimensionale Landschaften.
Untergrund & Abfahrten: Überwiegend Asphalt und fester Gravel, einzelne grobe Passagen; lange alpine Abfahrten nach den großen Pässen.
Für wen: Erfahrene Bergfahrer, die den großen Alpenüberquerungs-Charakter wollen — das anspruchsvollste der vier.
Anreise: Start Mailand, Ziel München — beide international per Bahn und Flug angebunden.
Basel–Kleve
Charakter: Die flachste Linie. Weite, Wind und Rhein — die Herausforderung ist mental, nicht vertikal.
Untergrund & Abfahrten: Flach und rollend, kaum nennenswerte Abfahrten. Bei Nässe kann der Untergrund zäh werden.
Für wen: Ideal für die erste sehr lange Distanz — flach, planbar, ohne alpine Risiken. September ist kühler.
Anreise: Start Basel (top per Bahn), Ziel Kleve — Rückreise über Duisburg/Düsseldorf.
Wien–Berlin
Charakter: Rollend zwischen zwei Hauptstädten. Die Höhenmeter ballen sich an der österreichisch-tschechischen und der tschechisch-deutschen Grenze.
Untergrund & Abfahrten: Welliges Terrain. In trockenen Jahren gut fahrbar; bei Nässe neigt der Boden zu „peanut butter“.
Für wen: Wer eine ausgewogene Langdistanz ohne Hochalpen sucht. Nächste Ausgabe 2027.
Anreise: Start Wien, Ziel Berlin — beide per Bahn und Flug bestens erreichbar.
Ein Wort zu Klettern und Abfahren
Auf Wien–Triest und Mailand–München entscheidet vor allem das Klettern über die Kondition — lange, teils steile Aufstiege über viele Stunden. Die langen Abfahrten danach sind teils steil und grob und kommen nach Stunden im Sattel; hier zahlen sich gute Bremsen, ausreichend Reifenvolumen und wache Konzentration aus. Auf Basel–Kleve und Wien–Berlin spielt beides kaum eine Rolle; dort ist der Wind der eigentliche Höhenmeter.
Frag dich selbst
Noch unsicher? Lies dich in die einzelne Fahrt ein — Wien–Triest, Mailand–München, Basel–Kleve, Wien–Berlin — oder stöbere in den Erlebnisberichten echter Fahrer.
Und für dein Rad: Rad & Ausrüstung und Vorbereitung.