Was waren Distanzfahrten?

Im späten 19. Jahrhundert begann das Fahrrad, die Welt zu erobern – nicht nur als Transportmittel, sondern als Vehikel für sportliche Höchstleistungen. In einer Zeit, in der Straßen unbefestigt und Fahrräder schwer und ohne Gangschaltung waren, wagten sich Fahrer auf hunderte Kilometer lange Strecken. Diese Distanzfahrten verlangten körperliche Ausdauer, mentale Härte und den Willen, die eigenen Grenzen zu überschreiten.

Bereits 1884 wurde mit „La Gran Fondo“ in Italien eines der ersten Langstreckenrennen ausgetragen: 600 Kilometer von Mailand nach Rom. In einer Zeit, in der das Fahrrad noch um seine gesellschaftliche Akzeptanz kämpfte, zogen solche Rennen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Distanzradfahrten sollten die Leistungsfähigkeit des Fahrrads als Fortbewegungsmittel demonstrieren und traten bewusst in Konkurrenz zu Pferd, Bahn und anderen Verkehrsmitteln.

Die großen Linien

Legendäre Strecken wie Wien–Berlin (1893), Paris–Brest–Paris (1891) oder die Alpenüberquerung Mailand–München (1894) zeigten die Vielseitigkeit des Fahrrads. Die Fernfahrt Wien–Triest (1892) verband erstmals Stadt und Küste, während Rennen wie Hamburg–Berlin den Norden erschlossen. Auch Berlin–Köln als Staffettenfahrt oder Bordeaux–Paris wurden zu Prüfsteinen der Langstreckenfahrer. Fahrer wie Josef Fischer, der Wien–Berlin gewann und 1896 erster Sieger von Paris–Roubaix wurde, oder G. P. Mills, der 1385 Kilometer von Lands End nach John O’Groats in knapp 77 Stunden bewältigte, verkörperten die aufstrebende, internationale Rennkultur.

Zeitgenössische Zeitungsseite zur Fernfahrt Wien–Berlin
Zeitgenössische Berichterstattung zur Fernfahrt Wien–Berlin.
Historische AufnahmeHistorische Aufnahme

Straße gegen Bahn

Schon damals unterschied man scharf zwischen Bahnsport und Distanzrennen: Während Bahnrennen auf kurze, explosive Sprints ausgelegt waren, erforderten Distanzfahrten unerschütterliche Ausdauer und die Kunst, unter extremen Bedingungen durchzuhalten. So entwickelten sich zwei eigenständige Sporttraditionen, die den Radsport nachhaltig prägten.

Niedergang und Wiederaufnahme

Mit den Weltkriegen und dem Aufstieg des Automobils geriet die Tradition der Distanzfahrten in Vergessenheit. Nur wenige Rennen wie Paris–Brest–Paris überlebten als Relikte einer vergangenen Ära. Heute erleben Langstreckenfahrten eine Renaissance: Supergrevets knüpfen an die historischen Wurzeln an und lassen die einstige Pionierzeit wieder aufleben – auf den vergessenen Linien Wien–Berlin, Wien–Triest, Mailand–München und Basel–Kleve.

Historische Stimmen und Quellen

Historische Illustration

Wenn wir die Erfindung der Draisine, die Erfindung des luftgefüllten Reifens und die Rückkehr zum Niederrad als Marksteine in der Geschichte des modernen Fahrrads betrachten, dann müssen wir die Fernfahrt Wien-Berlin 1893 als Wendepunkt in der Geschichte des modernen Fahrrads bezeichnen. […] Das Fahrrad wurde Verkehrsmittel.

NN: Das Fahrrad in Vergangenheit und Gegenwart. Durlacher Tageblatt, 11.07.1925, S. 6

Die Pioniere des alpinen Radsports sahen im Gegensatz zu heute vergleichsweise harmlos aus […]. In dieser Kluft setzten sie sich auf Gefährte, die nicht einmal eine Gangschaltung besaßen. Trotzdem waren sie ganz verteufelte Burschen.

Ulrich Zwack: Das erste transalpine Rennen im Jahr 1894. Bayrischer Rundfunk, 01.05.2017
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„Wien-Berlin“. In diesen zwei Worten drängte sich während der letztvergangenen Monate beinahe unser gesammtes Sportinteresse zusammen.

NN: Stimmungsbilder Anfang August. Radfahrer-Zeitung, 11.08.1893

Ein aus achthundert Radfahrern und Radfahrerinnen bestehender Zug – das war in Wien noch nicht dagewesen, und wir konnten nach übereinstimmenden Meldungen eine Anzahl von 100.000 Zuschauern constatiren.

Deutscher Radfahrer-Bund: Amtliches Organ, Jahrgang 1893, S. 516

Sieger war Josef Fischer von München, der den Weg in 31 Stunden 22 Minuten zurückgelegt hatte. […] Interessant ist folgender Vergleich: Ein Schnellzug durcheilt die Strecke in 14 Stunden und 10 Minuten.

Die Distanzradfahrt zwischen Wien und Berlin. Der Bär 19 (1893), S. 515

Mehr zur Geschichte der Disziplin auch bei grevet.de → Geschichte der Distanzfahrten.