Mythen & Legenden von Mailand–München
Jubel – und sofort der Schatten
Am 11.–12. Juni 1894 gewinnt Josef Fischer (München) die Distanzfahrt Mailand–München in 29:32:30. Max Reheis (Wasserburg) folgt rund 1½ Stunden später. Die Presse feiert den „Alpenritt“ – doch noch während die Lorbeerkränze hängen, kursiert der schwerste Vorwurf, den man damals erheben konnte: „ziehen lassen“. Entlang der Strecke zwischen Oberaudorf – Rosenheim – Ostermünchen wollen Zuschauer einen Strick zwischen Fahrern gesehen haben; auch Schulterstützen werden behauptet.
Der Protest – und ein seltsames „Ja, aber“
Reheis legt offiziell Protest ein. Das Schiedsgericht der Distanzfahrt (Vorsitz: Wilh. Schwaiger) bewertet am 7. Juli 1894 die eingereichten Bestätigungen (u. a. Wirt/Bedienung in Oberflintsbach, Grenz- und Straßenaufseher, Dorfbewohner). Quintessenz:
- Aussagen, die „Ziehen“ nahelegen – anerkannt.
- Gegenaussagen der offiziellen Posten und Fischers Schrittmacher – ebenso anerkannt.
- Formaler Knock-out: Reheis’ Protest verspätet (er nahm den 2. Preis an), damit Zurückweisung – Fischer bleibt Sieger.
Das Duell verlagert sich vor Gericht
Der Streit eskaliert beidseitig:
- Fischer telegrafiert am 2. Juli an den Münchner Sportausschuss, Reheis habe sich über den Brenner ziehen lassen – ohne Beweis. Vor dem Amtsgericht München (28. Nov. 1894) zieht Fischer die Behauptung „in gutem Glauben, aber unbeweisbar“ zurück; Vergleich, Kosten geteilt. Applaus im vollen Sportsaal.
- Reheis klagt das Neue Münchener Tageblatt wegen Beleidigung (es stützt Fischers Sicht auf Basis von Schrittmacher-Zeugnis & Schiedsspruch). Urteil: Verurteilung des verantwortlichen Redakteurs zu 150 Mark (ersatzweise 15 Tage Haft); Reheis freigesprochen und berechtigt, das Urteil im Blatt und im Deutschen Radfahrer-Bund zu veröffentlichen (Berufung angekündigt).
Held, Märtyrer – oder einfach „Mensch auf dem Rad“?
Die Legende lebt vom Widerspruch: ein technisch und körperlich überragender Ritt über den Brenner, ein Protest mit dutzenden Zuschaueraussagen, ein Schiedsgericht, das beides gelten lässt – und am Ende zwei Rivalen, die den Kampf von der Straße in Sitzungssäle tragen. Genau dieser Riss zwischen Heroik und Makel macht Mailand–München bis heute so erzählerisch stark