Damals

Mailand–München: Eine Distanzradfahrt die Geschichte schrieb

Die Bedingungen waren hart: unbefestigte Wege, schlechtes Wetter und keine moderne Ausrüstung. Die Teilnehmer – insgesamt 49 Radfahrer aus mehreren Nationen – trugen einfache Kleidung und fuhren ohne Gangschaltung, lediglich mit purer Muskelkraft und unbändigem Willen. Doch gerade diese Einfachheit machte die Leistung umso bemerkenswerter. Die 1200 Höhenmetern bis zum Brenner stellte eine immense Belastungsprobe dar – und das auf Fahrrädern, die zwar archaisch anmuten, zugleich aber überraschende Ähnlichkeiten mit modernen Gravelbikes aufweisen.

Die Radler von damals wirkten eher wie Wanderer auf zwei Rädern: in einfachen Wolltrikots, knielangen Stoffhosen und ledernen Halbschuhen trotzten sie den Elementen, ohne den Komfort moderner Funktionskleidung zu kennen. Auf den Köpfen schlichte Kappen, an den Beinen dunkle Strümpfe – ihre Kleidung war mehr Alltagsgewand als Sportausrüstung. Und doch bewältigten sie mit dieser bescheidenen Ausstattung Höchstleistungen, angetrieben von purem Willen und einer Leidenschaft, die jede Naht ihrer schlichten Garderobe überstrahlte.

Der Sieger, Joseph Fischer aus München, bewältigte die Strecke in knapp 30 Stunden, schneller als ein Güterzug jener Zeit. Sein Erfolg zeigte nicht nur die körperliche Stärke der damaligen Fahrer, sondern auch ihren enormen Durchhaltewillen. Fischer setzte damit einen Maßstab für den Langstreckenradsport, der weit über die Alpen hinaus für Bewunderung sorgte.

Mailand–München war nicht einfach nur ein Rennen – es war ein Sinnbild für die Anfänge des Radsports. Es zeigte, wie Menschen mit begrenzten Mitteln Großes leisten können, und legte den Grundstein für die Begeisterung, die das Fahrrad bis heute auslöst.

Ein Pionierstück über die Alpen

Die Distanzradfahrt Mailand–München, erstmals 1894 ausgetragen, gilt als die erste große transalpine Raddistanzfahrt und als Höhepunkt der frühen Radsportgeschichte im deutschsprachigen Raum. Während Wien–Berlin die Weite der Ebenen erschloss und Wien–Triest die Verbindung von Metropole und Meer symbolisierte, wagte Mailand–München den Sprung ins Hochgebirge – über den Brennerpass, mitten durch die Alpen.

Ein Abenteuer der Extreme

46 Fahrer standen in Mailand am Start. Ihr Ziel: die bayerische Hauptstadt, 590 Kilometer entfernt. Die Strecke führte durch die lombardische Ebene, vorbei am Gardasee, durch das Etschtal und schließlich über den Brennerpass, ehe es durchs Inntal und über Rosenheim nach München ging. Regen, Hagel, Schlammlöcher und frostige Nächte machten die Fahrt zur Tortur. Viele gaben auf, nur eine Handvoll erreichte das Ziel.

Der Sieger: Josef Fischer

Nach 29 Stunden und 32 Minuten rollte der Münchner Josef Fischer als Erster ins Ziel. Damit krönte er sich – nach seinem Sieg bei Wien–Berlin im Vorjahr – endgültig zum herausragenden Distanzfahrer seiner Zeit. Gefeiert von Tausenden, die ihn bejubelten und mit Preisen überhäuften, schrieb Fischer ein weiteres Kapitel Radsportgeschichte.

Der Rivale: Max Reheis

Knapp anderthalb Stunden später folgte sein Dauerrivale Max Reheis aus Wasserburg. Er galt als unermüdlicher Kämpfer, erreichte trotz technischer Probleme und widrigster Umstände das Ziel – und wurde daheim als Held empfangen. Doch schon bald sollten Anschuldigungen und Proteste die sportliche Leistung überschatten.


Fortsetzungen und spätere Austragungen

Mailand–München blieb kein einmaliges Abenteuer. In den Jahren nach 1894 wurde die Distanzfahrt mehrfach neu aufgelegt – teils als offizielles Rennen, teils als populäre Distanzfahrt für Amateure. Besonders um die Jahrhundertwende galt sie als Königsprüfung der Langstrecke, gleichrangig mit Wien–Berlin und Paris–Brest–Paris.

Mit jeder Austragung wuchs die Symbolkraft: Die Alpenüberquerung war mehr als nur sportliche Herausforderung, sie stand für Verbindung von Nationen und Kulturen, für technische Innovation und für die Entschlossenheit einer ganzen Generation, die Grenzen des Fahrrads immer weiter hinauszuschieben.

Im Laufe der Zeit aber verschwand Mailand–München wieder vom Kalender. Der wachsende Straßenverkehr und die Professionalisierung des Radsports verlagerten die großen Rennen auf andere Formate. Doch die Erinnerung blieb – als Meilenstein, an dem sich die Geschichte des Radsports bis heute ablesen lässt.

Vom Eintagesrennen zum Etappenformat

Während die erste Ausgabe 1894 ein episches Eintagesrennen war, entwickelte sich Mailand–München in den folgenden Jahrzehnten zu einem unregelmäßig ausgetragenen Klassiker. Die Distanz blieb mit knapp 590 Kilometern gleich, doch das Format variierte: Mal als Distanzfahrt an einem Tag, mal als mehrtägige Etappenprüfung.

Zwischen den Kriegen – ein Länderkampf auf zwei Rädern

In den 1930er-Jahren erhielt die Strecke eine neue politische Dimension. 1937 wurde es als offizieller Länderkampf zwischen Deutschland, Italien und Österreich ausgetragen, diesmal über drei Etappen. 1938 und 1940 verlief die Strecke sogar in umgekehrter Richtung – von München nach Mailand – und war nur für Fahrer aus den drei „Achsenländern“ ausgeschrieben. Damit spiegelte das Rennen nicht nur den sportlichen, sondern auch den problematischen politischen Zeitgeist jener Jahre.

Palmarès – die Sieger von Mailand–München

  • 1894 Josef Fischer (Deutschland)
  • 1910 Peter Strasser (Österreich)
  • 1912 Georg Schmid (Deutschland)
  • 1937 Richard Menapace (Österreich)
  • 1938 Mario De Benedetti (Italien)
  • 1939 Aldo Ronconi (Italien)
  • 1940 Doro Morigi (Italien)

Ein Mythos verblasst

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erlosch die Tradition. Nach 1940 wurde Mailand–München nicht mehr ausgetragen. Doch die Erinnerung an dieses Rennen bleibt lebendig: als Pioniertat über die Alpen, als Bühne für internationale Rivalität – und als Sinnbild einer Zeit, in der Radrennen technische Fortschrittsprojekte, sportliche Heldentaten und gesellschaftspolitische Symbolakte zugleich waren.

Ein Vermächtnis für den Radsport

Trotz aller Skandale markierte Mailand–München einen Wendepunkt. Es zeigte, dass das Fahrrad selbst die Alpen bezwingen konnte. Der Sieg Fischers stand für den technischen Fortschritt, die Duelle mit Reheis für die Leidenschaft und Dramatik einer jungen Sportart.

So bleibt Mailand–München ein Symbol für die Pionierzeit des Radsports: eine Mischung aus heroischem Abenteuer, sportlicher Grenzerfahrung und menschlichem Drama, die über Jahrzehnte nachwirkte und den Mythos bis heute lebendig hält.